Hartmut Geerken im Interview
Von Eckhard Fürlus

Jazz ist die Idealform der Demokratie.

Stefan Gerdes

Den Besuchern des Tuxamoon Archivs ist Hartmut Geerken kein Unbekannter. Wer sich einmal mit Hartmut Geerken, seinem Leben, seiner Arbeit und seiner Musik befasst hat, weiß, dass dieser „Mann aus Wörtern und Klängen“ (Sabine Küchler) in kein Raster passt. Seine Biographie ist zu vielschichtig, seine Arbeit zu vielfältig, als dass man versucht sein könnte, darin unter dem Stichwort „geglücktes Finden“ nach einem roten Faden zu suchen. Viel wichtiger sind ihm, dem Archivar, Dichter, Filmemacher, Herausgeber, Hörspielautor, Holzfäller, Hummelzüchter, Musiker, Mykologe, Schauspieler, Schriftsteller und Sun Ra-Adepten und -Sammler Hartmut Geerken die Zufälle.

Eine deiner letzten e-mail hast du unterschrieben mit mahmoud susu. Das hat mich überrascht. Was hat es damit auf sich?

ich habe viele arabische länder bereist & da ist mir aufgefallen, dass, wenn ich meinen namen hartmut genannt hatte, die leute mich erschrocken angeschaut haben. als arabist ist mir lange nicht klargeworden, dass das wort hartmut im arabischen bedeutet: du wirst sterben! mut – mat – mout – mat ist die arabische wortwurzel für sterben. das deutsch klingende: „schach matt“ ist arabisch & heisst: „der schah (könig) ist tot“. als mir dies klargeworden war, nannte ich mich in arabischen ländern nicht mehr hartmut, sondern mahmoud. mein zweiter name ‚susu‘ geht zurück auf den unterricht auf dem afrikanischen xylofon, genannt ‚balafon‘, den ich in westafrika, in gambia bei einem berühmten meister genossen habe. wenn ein schüler die prüfung bestanden hat, übernimmt er gewöhnlicherweise den namen seines lehrers. meiner war von dem volk der susu.

Du hattest eine klassische Ausbildung zum Pianisten bei einem der Kontarsky Brüder (Aloys und Alfons; der dritte ist der Dirigent Bernhard Kontarsky). Wie kamst du zum Jazz, oder anders gefragt: Was hat dich am Jazz so fasziniert, dass du Béla Bartók und der klassischen Musik Adieu gesagt und dich dem Jazz als der für dich interessanteren Ausdrucksform zugewandt hast? Wäre eine Kombination aus beiden Musikrichtungen möglich gewesen?

nein, ich glaube nicht. die moderne europäisch-klassische musik mündete um die jahrhundertwende in das, was wir klassische avantgarde bezeichnen. so interessant manche komponisten dieser richtung sind, übernehmen ihre darreichungs- & rezeptionsformen doch unbesehen die traditionellen rituale, wie stillsitzen, pausenhüsteln, am ende klatschen etc. dies ist mit der entstehungsgeschichte des jazz unvereinbar. da wird getanzt, da wird nicht nur gehüstelt, & man klatscht, wenn man bei einem höhepunkt begeistert ist. die grundlegende begeisterung & die physische präsenz unterscheidet sowohl den musiker als auch den hörer des jazz von der europäischen musikkultur. es gibt natürlich versuche der verschmelzung. stockhausens „aus den sieben tagen“ hat züge des free jazz & der komponist hat für die aufnahme dieser komposition auch jazzmusiker eingesetzt. auf der anderen seite gibt es eine ganze reihe von jazzmusikern, die sich, möglicherweise auch aus pekuniären interessen, der europäischen klassikrituale annähern (anthony braxton, roscoe mitchell). in den 40er/50er-jahren gab es eine bewegung, die sich „third stream“ nannte & die beide bereiche miteinander zu verbinden suchte (gunther schuller). aber das hat sich schon nach kurzer zeit totgelaufen.

mit famoudou don moye, berliner jazztage

Durch deine musikalische Tätigkeit zieht sich wie ein roter Faden die Zusammenarbeit mit dem Art Ensemble of Chicago und Famoudou Don Moyé. Kurz nach deinem Interview mit dem Deutschlandfunk 2012 starb John Tchicai, auch er einer deiner langjährigen Weggefährten. Wie kam die Zusammenarbeit zustande, und worin bestand und besteht die Chemie zwischen euch?

mit famoudou don moye spiele ich seit 37 jahren. wir haben uns 1983 in athen kennengelernt, wo ich für das goethe-institut gearbeitet habe. irgendwie haben wir schon sehr bald festgestellt, dass uns etwas verbindet, was man schlecht in worte kleiden kann. unsere freundschaft ist nie oberflächlich geworden, sondern es ist eher das gegenteil der fall. wir telefonieren bis heute fast täglich, & wir haben eine gemeinsame vokalisensprache entwickelt, in der wir nicht mit dem risiko von sprachlichen missverständnissen rechnen müssen, aber fast alles damit ausdrücken können. über moye kam dann natürlich auch meine zusammenarbeit mit dem art ensemble of chicago zustande. – tchicai habe ich zum ersten mal vor 50 jahren bei einem jazzfestival persönlich in willisau in der schweiz getroffen. damals kam grade meine erste langspielplatte – „heliopolis“ – heraus. ich gab ihm ein exemplar, & das war offensichtlich grund genug, dass er etwas später auf mich zukam & mich einlud, mit ihm zu arbeiten. als ich 1972 nach afghanistan versetzt worden war, kam mich tchicai bald besuchen, & er wohnte mehrere wochen in unserem haus. in dieser zeit hatten wir mehrere konzerte in kabul, teheran & karatchi. mein freundschaftliches verhältnis zu tchicai war weniger intensiv. wir haben zwar wunderbar zusammen gespielt, die westafrikareise im trio mit moye war ein unvergleichliches abenteuer, aber menschlich gab es mit tchicai ein paar ecken!

In Afghanistan herrscht Krieg seit vielen Jahrzehnten. Du hast bereits in Kabul / Afghanistan gelebt und gearbeitet, als das Land noch ein Königreich war. Wie hast du Afghanistan erlebt?

ich bin 1972 noch in das königreich afghanistan eingereist & habe dieses land als ein irdisches paradies erlebt. dem könig zahir shah bin ich öfter begegnet, als er in seinem weissen toyota am steuer ohne body guards durch das land fuhr, um beispielsweise baustellen zu besichtigen. die menschen waren damals noch nicht sehr vom westen verdorben. es herrschte eine hohe moral, respekt war nicht nur eine worthülse, & die gastfreundschaft liess jedem europäer die schamröte ins gesicht steigen. bei meiner kulturarbeit musste ich nicht einen einzigen schriftlichen vertrag mit afghanischen institutionen abschliessen: ein händedruck genügte & die abmachungen wurden penibel eingehalten. das hat sich mit der einmischung des westens leider alles erledigt. afghanistan ist inzwischen ein politischer, wirtschaftlicher, menschlicher scherbenhaufen, leider auch durch die deutsche beteiligung. die meinung deutscher politiker, man müsse unsere freiheit am hindukusch verteidigen, war in ihrer torheit nicht zu überbieten. deutschland war seit kaiser wilhelms zeiten der beste freund der afghanen. seit über 100 jahren besteht die von deutschland gegründete „amani oberrealschule“. wir deutschen waren freunde im land, heute sind wir besatzer in uniform!

hartmut geerken auf der höchsten stelle des alten salangpasses (5000 m über meereshöhe)

Wie war es möglich, in Kabul eine Free Jazz Szene zu etablieren? Worauf konntest du zurückgreifen? Gab es bereits vorhandene Strukturen, die hilfreich waren?

eine free jazz szene hatte ich schon 10 jahre davor in kairo initiiert. ein ägypter, ein tscheche & ich haben die erste ägyptische bigband, die „cairo jazz band“, gegründet, aus der dann das von mir geleitete „cairo free jazz ensemble“ hervorging. von unseren konzerten gibt es inzwischen mehrere langspielplatten. – in kabul dann traf ich zwei einheimische rockmusiker, mit denen ich viel zusammen gespielt habe. es kam dann noch john tchicai hinzu & ein deutscher journalist & saxofonspieler, der aus frust die stammheimer prozesse um die baader meinhof gruppe verliess & mit dem auto nach afghanistan entfloh. auch von diesen konstellationen gibt es konzertaufnahmen auf mehreren langspielplatten. in punkto jazz gab es, als ich dort ankam, keinerlei strukturen, auf denen ich hätte aufbauen können. neben den oben erwähnten aktivitäten gründete ich am goethe-institut einen jazzclub, & es war mir sogar möglich, bei radio afghanistan eine wöchentlich stattfindende einstündige jazzsendung zu etablieren. – afghanistan wurde nach meiner zeit unverzeihlich in eine schwarze vergangenheit zurückgebombt. ich höre lieber hier auf, mir kommen die tränen …

Mein erstes Hartmut Geerken Buch habe ich vor vielen Jahren gekauft; da – das muss ich zu meiner Schande gestehen – wußte ich noch nichts von dir und deiner Arbeit. Es ist 1979 im Fischer Verlag erschienen; auf dem Cover steht: „Märchen des Expressionismus. Herausgegeben von Hartmut Geerken“. Wie kam es zu diesem Buch?

als student in tübingen war ich jahrelang in den vorlesungen & seminaren von ernst bloch. der begriff ‚märchen‘ ging wie ein roter faden durch viele seiner vorträge. ich erinnere mich nicht mehr daran, was der wirkliche anlass war, mich intensiver mit dem märchen zu beschäftigen. jedenfalls landete ich in den seminaren des legendären prof. hermann bausinger im „institut für empirische kulturwissenschaft“, untergebracht im turm des alten tübinger schlosses. ein seminar drehte sich um die sozialen belange des romantischen kunstmärchens. von bloch ganz sicher infiziert, der alles märchenhafte philosophisch aufwertete, & die literatur des expressionismus zu meinem lieblingsthema erhoben, machte ich meine seminararbeit über das expressionistische kunstmärchen. die recherchen zu diesem thema waren so ergiebig & die seminararbeit von bausinger so positiv bewertet, dass ich mich, möglicherweise auch durch gutes zureden von bausinger, an eine erweiterung meiner seminararbeit machte, aus der dann schliesslich meine „goldene bombe“ hervorging, erschienen als hardcover im agora-verlag, später als taschenbuch bei fischer. das ‚märchen des expressionismus‘ wird seitdem in der literaturgeschichte der moderne als terminus technicus verwendet.

unterwegs mit pferd & „käfer“ im türkischen taurusgebirge, 1964

Es ist nicht deine erste Publikation. Dein erstes Buch hast du 1967 zusammen mit Sigrid Hauff verfasst, und es ist ein von einem türkischen Automobilklub in Auftrag gegebener Wegweiser durch die Sehenswürdigkeiten von Göreme. Ein lateinisches Sprichwort sagt, dass Bücher ihre Schicksale haben. Welches Schicksal und welche Entstehungsgeschichte ist mit diesem Buch verbunden?

1963/64 hatten meine frau & ich ein stipendium des daad & der türkischen regierung, um an der istanbuler universität unser fach orientalistik weiterzustudieren. eines tages wollten wir zu feldforschungen nach göreme in mittelanatolien fahren. wir packten unsere habseligkeiten in unseren vw käfer & fegten unsere wohnung als gute schwaben besenrein. als wir dann losfahren wollten, es war fünf uhr in der früh, fanden wir unser auto leer! alles was wir hatten war gestohlen, u.a. alle unsere papiere des studiums & unsere beiden fast fertigen dissertationen, meist auf karteikarten. mit dem, was wir auf dem leib hatten, fuhren wir, nachdem wir die erste schockstarre hinter uns hatten, nach göreme, mieteten uns ein kleines haus inmitten des dorfes ortahisar (für 20 mark monatsmiete!) & versuchten uns klar zu werden, was passiert war. nach deutschland wollten wir nicht. wir wollten nicht bemitleidet werden. von den dorfbewohnern & dem bürgermeister wurden wir vom ersten moment an als gäste behandelt & das war so, dass jedem deutschen die schamröte ins gesicht gestiegen wäre. bald merkten wir, dass wir uns im nukleus einer einmaligen kultur- & zivilisationslandschaft befanden. die etwa 300 byzantinischen höhlenkirchen waren damals wissenschaftlich noch kaum bearbeitet. eine arbeit des franzosen guillaume de jerphanion & ein deutscher bildband waren die einzigen werke über diese einmalige tuffkegellandschaft mit ihren versteckten verehrungsorten. um den bewohnern unseres ortes finanziell zu helfen, entschlossen wir uns, den allerersten „führer durch göreme“ zu schreiben, um den tourismus etwas anzukurbeln, den es bis dato nicht gab. das aber hat sich leider in den folgenden 50 jahren geändert. göreme ist heute zu meinem leidwesen ein begehrtes touristenziel geworden & unser göreme-führer ist nach wie vor zu bekommen, in deutsch, türkisch, englisch & französisch.

Von allen deinen Büchern ist „Omniverse Sun Ra“ das bekannteste und, das wird man wohl sagen können, legendäre Buch, von dem es vor ein paar Jahren eine Neuauflage gegeben hat, die sich aber von dem ursprünglichen Buch unterscheidet, das inzwischen – wenn überhaupt – sehr hochpreisig angeboten wird.

der kosmiker sun ra & seine philosophie begleiten mich sei dem ende der 50er jahre des letzten jahrhunderts. ich hörte damals eine sendung über sun ra von joachim ernst berendt im südwestfunk. dieser erste eindruck war so stark, dass er auch nach über 60 jahren noch nicht verblasst ist. sun ras diskografie ist ein wahrhafter dschungel. da mich chaotische strukturen schon immer interessiert haben, versuchte ich, als sohn eines postbeamten, eine gewisse ordnung in dieses tohuwabohu zu bringen. meine erste sun ra diskografie erschien dann 1980 in der griechischen zeitschrift TZAZ unter dem titel „prolegomena to a never to be completed discography of the acoustic works of herman sonny blount or sonny lee, incarnated sun ra“. nach dieser ersten veröffentlichung wuchs mein sun ra archiv mehr & mehr, so dass ich gezwungen war, 1994 mein legendär gewordenes ‚coffee table book‘ im selbstverlag „waitawhile“ zu veröffentlichen. für die aufwendige herstellung musste ich einen kredit aufnehmen. die auflage von 1000 stück war nach etwa einem jahr verkauft, verbunden mit der amortisierung meiner selbstkosten. vor ein paar jahren wurde ein exemplar für $ 3000 nach japan verkauft. ich selber habe keinen pfennig mit diesem buch verdient.

In unregelmäßigen Abständen erscheinen dann so umfangreiche Bücher wie „kant“ (1998), „ogygia“ (2004), „phos“ (2005) oder „MOOS – 58 überschriften“ (2008), in dem ich das schöne Zitat von Antonin Artaud gefunden habe: „der vorsatz der wahnsinnigen aktion ist oft wichtiger als deren realisierung“. Wartest du mit der Niederschrift, bis sich das Material angestaut hast, oder gehst du von Zeit zu Zeit an die Maschine und tippst – alles klein und ohne Punkt und Komma und Semikolon – deine Texte ein?

ich habe noch nie darüber nachgedacht, was ich schreibe, wann ich schreibe, wie ich schreibe, warum ich schreibe, für wen ich schreibe. für mich gilt: denken führt zu nix! man kann das auch an der derzeitigen weltsituation beobachten. für mich kommt nur in frage, was helmut heissenbüttel ‚offene literatur‘ genannt hat. ich fange irgendwo an & ende an einem beliebigen punkt. tag & nacht fliessen wörter & sätze an mir vorbei & wenn mir etwas aufschreibenswert erscheint, zücke ich eins meiner notizhefte, die ich in jeder tasche trage & notiere mir stichwörter, die ich später am pc verarbeite. die offenheit der eingefahrenen strukturen führt mich in gegenden, die ich nie durch strategisches denken gefunden hätte. das trifft für mich sowohl in der literatur als vor allem auch in der musik zu, in der improvisation. zuerst entdeckten wohl die darstellenden künste das offene. die musik folgte. die literatur hinkt nach wie vor hinterher. offene literatur belegt nur einen winzigen platz in der szene. das lesepublikum verlangt geschichtchen, die schon abertausendmal erzählt worden sind, stringente handlungen mit handfesten charakteren müssen her & die spannungsbögen & plot points sind unabdingbare bestandteile der buchproduktion. aber ich fühle mich in meiner mir selbst auferlegten marktunterlegenheit sehr wohl.

glasbild von johann hinrich geerken, „obelisk in alexandrien“

In einem deiner schönsten Bücher, „gavdos. eine petersburger hängung“, in dem es viele Glasbilder deines Großvaters Johann Hinrich Geerken zu sehen gibt, hast du ein Ereignis beschrieben, das für deinen weiteren Werdegang bedeutend wurde. Ein sehr schweres Ölgemälde deines Großvaters, „Sonnenaufgang in der Lüneburger Heide“ hatte sich eines Nachts durch ein Erdbeben vom Wandhaken gelöst und krachte auf dein Bett, und du wusstest im ersten Augenblick nicht, ob das nun Traum oder Realität sei, aber dir war sofort klar, dass du den Weg in die Kreativität wählen würdest.

ja, traum & realität! sind das nicht die grundlegenden bedingungen einer jeden kunst? möglicherweise war es dieser augenblick des erschreckens, der mir den weg in die kreativität wies. erst sehr viel später wurde mir auch bewusst, dass das phänomen des erschreckens ein wichtiges initiationserlebnis in der kunst sein kann.
die hinterglasmalereien meines grossvaters haben mein bruder & ich etwa 100 jahre nach ihrem entstehen in der räucherkammer eines riedhauses im geburtsort des künstlers gefunden. er hatte sich damit ein wenig geld verdient, indem er mit diesen grossen, dias ähnlich gerahmten bildern mit einer laterna magica vorträge in gemeindesälen & schulen über exotische weltgegenden hielt, die er aber selbst nie besucht hatte. vielleicht endete er seine vorstellungen mit dem damals üblichen spruch: „laterna magica schliesst jetzt die blende, & öffnet wieder sie am nächsten wochenende. wir danken bestens für ne kleine spende.“

die menschliche sprache, einem viel zu grossen instinktlos gewordenen gehirn entsprungen, geht meiner meinung nach auf einen ‚fehler‘ in der evolution zurück.

hartmut geerken

Ein Diktum von Dir lautet, dass Sprache nur aus Missverständnissen besteht. Da denke ich sofort an Fritz Mauthner und seine sprachkritischen Äußerungen. Nun besitzen Kunstwerke ihre eigene Wahrheit, die mit wissenschaftlicher Genauigkeit nicht identisch ist und auch nicht in Einklang gebracht werden muss. Spielt das für dich überhaupt eine Rolle beim Schreiben? Wie gehst du mit deinem Ausspruch um beim Verfassen deiner Bücher?

du hast recht: auch oder gerade als langjähriger dozent im fach deutsch als fremdsprache ist mein misstrauen der sprache gegenüber allumfassend. der sprache ist es nicht möglich, etwas auszudrücken, wo eine, wenn auch noch so geringe lüge implizite ist. sieh dir doch einfach mal die situation der ‚krone der schöpfung‘ auf diesem planeten an: eine einzige katastrophe! warum wohl ist die situation der ameisen & elefanten global eine andere? sie haben sehr wahrscheinlich mitteilungssysteme, die keine missverständnisse zulassen. die menschliche sprache, einem viel zu grossen instinktlos gewordenen gehirn entsprungen, geht meiner meinung nach auf einen ‚fehler‘ in der evolution zurück. dies wird natürlich von den schöpfungsorientierten religionen bestritten, obwohl die grundübel aus deren ge’babbel‘ entstanden & immer noch entstehen. sogar die trappisten waren unlauter! sprache ist für mich ein untaugliches hilfskonstrukt. wie oft wird der satz ‚ich liebe dich‘ auf dieser welt ausgesprochen! & wie sehen die verhältnisse danach aus? der satz wird durch seinen üblichen gebrauch eher zu einer beleidigung. ich arbeite zwar mit dem medium sprache, zwangsweise, setze es aber immer sofort wieder ausser kraft, indem ich auf seinen jämmerlichen zustand & das, was er bewirkt, in meinen büchern permanent & expressis verbis fast auf jeder seite hinweise. in der zwischenmenschlichen kommunikation ist mir die musik viel geeigneter als die sprache. unter bestimmten voraussetzungen kann es dort keine missverständnisse geben. mit meinem freund, dem afroamerikaner famoudou don moye telefoniere ich praktisch jeden tag. wir sprechen dabei kaum allgemein gültige sätze, sondern artikulieren gegenseitig wortähnliche gebilde, die vielleicht an eine fantasiesprache erinnern mögen. wir verstehen uns darin vollkommen, missverständnisse sind ausgeschlossen. genauso agieren wir im duo auf der bühne. wir haben vor einem konzert noch nie die sprache bemüht & uns gefragt, was oder wie wir spielen wollen, sondern gehen spontan auf die bühne & beginnen einfach & sprachlos, unsere instrumente zu bedienen.

Dein erster Text ist ein Gedicht mit dem Titel „Der Mai“, abgedruckt in der Neuen Württembergischen Zeitung. Inzwischen ist es 72 Jahre alt. Mit Gedichten ging es dann weiter, manche unter dem Pseudonym Gene Powell. Was unterscheidet Gene Powell von Hartmut Geerken?

ich kann mit gene powell nichts mehr verbinden. möglicherweise habe ich diesen namen einmal in einer schülerzeitung verwendet, weil ich nicht wollte, dass man mich mit dem gedicht identifiziert. vielleicht habe ich mich auch geschämt? was damals noch möglich war! dass ich einen amerikanisch klingenden namen gewählt habe, ist nicht verwunderlich, sind wir im westen doch alle von den usa kolonisiert worden. & gene powell erregt einfach mehr aufmerksamkeit als peter müller. ich benütze manchmal das pseudonym ‚mahmoud susu‘. meine indische freundin uschaschi meinte augenzwinkernd, susu würde in ihrer muttersprache gebraucht, wenn ein baby pinkelt! auch nicht schlecht!

Die Liste deiner Publikationen ist sehr umfangreich und längst nicht mehr überschaubar; selbst die von Klaus Peter Harming erstellte Werkliste ist unvollständig geblieben. Texte mit Titeln wie „die weisse leinwand ist ein rotes tuch“ oder „Vom Mundtotmachen und der Schere im Kopf“, „ominöse vögel“, „aforismen über den polizisten & die polizei“, „destination: non stop. theaterritual für eine person“ und „races places faces & asses“ machen neugierig und erstrecken sich über viele, viele Din-A-4 Seiten. Die Arbeiten für das Radio habe ich noch gar nicht aufgezählt. Und das ist der Stand von 2001! Ist ein Hartmut Geerken reader geplant, eine Art florilegium / best of, in dem man alle diese Dinge einmal wird nachlesen können?

das kann man bereits seit 2006! in meiner blütenlese ‚forschungen etc.‘ sind 63 verstreut publizierte texte aus dreissig jahren auf 568 seiten versammelt. viele weitere sind in der zwischenzeit entstanden. bei all diesen texten trage ich wie der trompeter des art ensemble of chicago, lester bowie, beim schreiben einen weissen labormantel. es geht darin um archäologie, mykologie, literatur- & sprachkritik, germanistik, musik, interdisziplinäre kulturwissenschaft, philosophie, hörspiel, science fiction, mongolistik, sexualität & viele andere bereiche, die in den hier genannten nicht zu subsumieren sind. es sind texte, die im zwischenbereich von wissenschaft & literatur umherwabern. für mich eine wunderbare möglichkeit, otsogartig & ohne scheuklappen mit wissenschaft spielen zu können, abseits aller akademischen regularien. – ausserdem sind 2017 beim berliner hybriden-verlag meine gesammelten verbal akustischen sprechstücke, 29 an der zahl, aus der zeit zwischen 1971 & 1992 in einer bibliophilen ausgabe mit 14 compact discs erschienen. also genügend blüten zum nachlesen & nachhören.

Rückblickend wird man wohl sagen können, dass die Jazzmusik in all ihren Facetten zu den größten Errungenschaften in der Musik des 20 Jahrhunderts gehört. Als Beitrag der Afro-Amerikaner geht sie einher mit der Emanzipationsbewegung der Schwarzen in den USA. Aber abgesehen von der Tatsache, dass Diskriminierung von Schwarzen und Weißen in den USA heute – anders als vor 60 Jahren – nicht mehr staatlich verordnet ist, scheint sich wenig geändert zu haben. Die schwarze Sängerin Andra Day, die Billie Holiday in dem aktuellen Film „The United States vs. Billie Holiday“ verkörpert, hat gesagt, „Von außen betrachtet scheinen wir inzwischen in einem anderen Zeitalter zu leben. Deswegen könnte man meinen, wir haben diese Probleme mittlerweile bewältigt. Doch unsere Gesellschaft sieht heute nur anders aus. Die Themen und die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten sind immer noch dieselben. Und es ist sogar so, dass sich diese Form von Rassismus in alle Bereiche noch weiter ausgebreitet hat und fester Bestandteil des Systems ist.“ Wie siehst du es?

ich bin seit fast 35 jahren mit dem vorher erwähnten afroamerikanischen drummer famoudou don moye eng befreundet. er hat die usa vor vielen jahren verlassen, weil er dort für sich keine lebensperspektive mehr gesehen hatte. er lebte seit seiner emigration in marokko, italien & jetzt in frankreich. wir telefonieren fast täglich miteinander. er bestätigt mir immer wieder, dass sich in der scheinheiligen welt der usa, was die diskriminierung der schwarzen betrifft, nichts verbessert habe. ein schwarzer präsident oder eine farbige vizepräsidentin sind keine belege für eine grundlegende veränderung der lage. ‚fuck obama‘ pflegte er zu sagen. die aktuelle wirtschaftliche situation der sozial schwachen schichten & die belegung amerikanischer gefängnisse mit extrem hohen zahlen an farbigen insassen sprechen eine ganz andere sprache. der altmeister am saxophon charles lloyd sagt sogar über die derzeitige situation in den usa: ‚es scheint, als kehrten wir zur sklaverei zurück.‘ – ich war selbst nie in usa. wollte auch nie. jean-paul sartres streitschrift ‚warum ich nicht in die vereinigten staaten reise‘, erschienen 1965 als band 2 der voltaire flugschriften, hat mich damals tief beeindruckt. darin hat sich bei mir bis heute nichts geändert. meine vielen schwarzen musikerfreunde kamen dafür im gegenzug zu mir. – der jazz ist die einzige errungenschaft, die die usa in ihrer geschichte hervorzubringen imstande waren. die improvisation ist die einzige kunstform, die sich weiterentwickeln kann. das bestreben, weiterhin im rahmen der neuen klassik komponieren zu müssen, führt bereits heute in eine sackgasse.

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die mit der Musik und dem Werk von Sun Ra so vertraut sind wie du. Lediglich in der Universität von Chicago gibt es ein Archiv, das sich ebenfalls um das Erbe von Sun Ra kümmert. Was kann man von dort erwarten?

das sun ra archiv der university of chicago beinhaltet die hinterlassenschaften von sun ras geschäftspartner alton abraham, gestorben 1999. alton abraham war kein archivar & sein nachlass ist dem zufall geschuldet & ziemlich ungeordnet. aber in jedem archiv gibt es einmalige dokumente, nur ist eben auch die quantität eines archivs wichtig. – mein erster kontakt mit der musik von sun ra fällt auf die end 50er jahre. seit über 60 jahren hat mich dieser musiker & philosoph begleitet. aus dem ersten hören entwickelte sich faszination, aus der faszination entstand der jäger. ich begann schon sehr früh zu sammeln, zu jagen & archivarisch zu ordnen. so hat sich im laufe der vielen jahre ein archiv entwickelt, das seinesgleichen sucht. ein kleiner vergleich: das chicagoer sun ra-archiv verzeichnet 54 unveröffentlichte konzertaufnahmen von sun ra. mein archiv verzeichnet 495! im chicagoer archiv gibt es eine einzige box mit sekundärliteratur über sun ra. im sun ra archiv geerken stehen davon sechs prallvolle leitzordner. allein meine korrespondenz sun ra betreffend ist in acht leitzordner gesammelt, darunter auch briefe von alton abraham. ich gehe davon aus, dass ich der einzige bin, der sun ra über so lange zeit verfolgt hat & dass jeder, der sich mit sun ra beschäftigen will, an meinem archiv nicht vorbeikommt. – ist es ein zufall, dass ich ausgerechnet heute, wo ich dieses interview ausrichte, den von mir unterschriebenen vertrag für die überlassung meines sun ra-archivs an das darmstädter jazzinstitut in den briefkasten geworfen habe & in zwei wochen etwa vierzig kartons dorthin verfrachtet werden?

hartmut geerken dirigiert das „cairo free jazz ensemble“ im zusammenspiel mit dem „modern jazz quintett karlsruhe“, kairo 1970

Kairo, Kabul, Athen sind die drei großen Städte, in denen du lange gelebt hast. Wo hat es dir am besten gefallen? Was war besonders?

kairo (6 jahre): mein erster grosser auslandsaufenthalt in der grössten stadt afrikas. grossartige möglichkeiten in jazz: mitgründer der ersten ägyptischen jazz big band, ‚the cairo jazz band‘ & gründer des ‚cairo free jazz ensembles‘. grossstadt pur. viele ägyptische freunde, auch viele internationale, wenig deutsche. – kabul (7 jahre): noch ins königreich afghanistan eingereist! wunderbare menschen. einmalige landschaften. echtes kontinentalklima, 2000 meter überm meer. sehr erfolgreicher kulturaustausch. indo-afghanisch-europäische musikwochen. viele freundschaften, die heute noch andauern. nie im deutschen club gewesen. heute: ein einziger trümmerhaufen! – athen (4 jahre): leiter der kulturabteilung des goethe-instituts. kulturaustausch auf hohem niveau. besonders interessant: kultur spielte sich im athen dieser jahre vor allem in der homosexuellen & kommunistischen szene ab. das grösste filmfestival athens mit dem ‚jungen deutschen film‘: fassbinder, syberberg, herzog, farocki, hauff, rosa von praunheim, wenders, achternbusch, schilling, grüber, lilienthal etc. jeweils mit allen ihren filmen & manche in persona! – rückblickend kann ich sagen, dass jeder dieser aufenthalte wie ein abgeschlossenes leben war, aber die jahre in afghanistan waren wohl der höhepunkt in meinem leben.

hartmut geerken unterwegs in den wilden canabisfeldern von nuristan im nordosten afghanistans

An dieser Stelle endet nun auch dieses Interview. Die letzte Frage möchte ich dir überlassen. Was hattest du immer schon mal gefragt werden wollen?

keiner hat mich je über meinen zustand gefragt, als ich auf der spitze der cheopspyramide von gizeh stand. eine antwort darauf hätte seiten füllen können!

Lieber Hartmut, wir danken dir für dieses Interview.

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Author

Dr. Eckhard Fürlus, geboren in Jever, Friesland. Studium der Philosophie und der Theologie an der Freien Universität, der Technischen Universität und der Kirchlichen Hochschule in Berlin. Mitarbeiter der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz SMPK, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD, der Akademie der Künste und des Landesmuseums Berlinische Galerie. Von 1993 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berlinischen Galerie. 2006 künstlerischer/wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien zur Assistenz von Prof. Siegfried Zielinski im Bereich Archäologie / Variantologie der Medien; seit 2007 Dozent an der Universität der Künste Berlin (UdK), Institut für zeitbasierte Medien.