In Zwischenmomenten der Clubmaschinerie
Ben de Biel hat in seiner ersten Monographie Elegantly Wasted, in der er erstmals auch farbig arbeitet, ein fantastisch fotografiertes Porträt einer nicht enden wollenden Partynacht im Ritter Butzke geschaffen – von euphorisch bis melancholisch.
— Hermann Paar, Herausgeber TUXAMOON
Ben de Biel, * 1963, ist Fotograf und war mit den Projekten Im Eimer, Ständige Vertretung im Tacheles und Maria am Berliner Ostbahnhof einer der prägenden Clubbetreiber Berlins seit dem Mauerfall. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er nach der von Lucia Margarita Bauer 2012 im .HBC kuratierten Ausstellung Berlin 1990–1995 und der Veröffentlichung des Buches Berlin Wonderland (Bobsairport, 2014) mit Fotos aus der Hausbesetzerszene Berlins Anfang der 1990er Jahre. Während seiner Zeit als Betreiber des Club Maria (1998–2011) richtete sich sein Fokus für etwas mehr als ein Jahrzehnt stärker auf die Musik, erst nach dessen Schließung am 2. Januar 2012 wieder mehr auf die Fotografie. In Berlin eröffnet am 14. November 2025 in der Galerie Urban Spree jetzt mit ELEGANTLY WASTED die zweite große Einzelausstellung Ben de Biels in Berlin. Gezeigt werden z.T. großformatige Bilder, die de Biel zwischen 2009 und 2016 im Berliner Club Ritter Butzke fotografiert hat. Er schließt damit nicht nur eine Lücke in der dokumentarischen Erinnerung an Berliner Clubs, sondern er beweist auch, dass Fotos auf dem Dancefloor sehr wohl und auch über längere Zeiträume möglich sind, wenn der Fotograf nicht als Fremdkörper oder Eindringling in einem Schutzraum wahrgenommen wird. Zugleich markiert ELEGANTLY WASTED auch die Veröffentlichung von Ben de Biels erster Monografie. Erschienen im Snoeck Verlag, versammelt das 256-seitige Buch über 100 doppelseitige, oft farbige Fotografien. Für Tuxamoon sprach Ben de Biel mit dem Kurator des Buches und der Ausstellung, dem Publizisten Max Dax.
Ben de Biel, du hast von 2009 bis 2016 die Partys im Berliner Club Ritter Butzke fotografiert – und den Übergang vom illegalen zum professionell geführten Club dokumentiert. Zuvor warst du selbst Clubbetreiber in Berlin. Was ist das eigentlich, ein Club?
Menschen in einem gehobenen Alter kennen noch die Diskothek. Eine Diskothek ist ein Veranstaltungsort, in einer Diskothek kann es Konzerte geben, meistens gibt es Partys oder DJ-Sets. Es gibt eine Tanzfläche und es gibt eine Ausstattung mit Tresen, Sitzgelegenheiten et cetera. Diese Orte hatten, waren sie einmal eingerichtet, ihre Funktion gefunden. Und tatsächlich gab es auch in den 1990ern teilweise noch so, wenn du an das E-Werk oder das 90 Grad in Berlin denkst, dann sind die eigentlich auch bloß einmal ausgestattet worden und blieben dann bis zum Schluss weitgehend unangetastet. Das Ritter Butzke und die Bar 25 oder auch das Sisyphus in Berlin unterscheiden sich insofern von diesem Prinzip, weil ihre Räume einer ständigen Umdekoration unterworfen waren. Es gab nur sehr wenige Elemente, die immer gleich geblieben sind. Zum Beispiel, wo der Tresen steht. Alles andere aber, die Dekoration, die Lichtobjekte und das Design, haben diese drei Clubs ganz anders verhandelt als die allermeisten anderen Clubs. Und dadurch unterscheiden sie sich auch von allen anderen.
Und das hat dich gereizt, sieben Jahre lang ein- und denselben Club zu fotografieren?!
Ich habe ja selber eine Diskothek gehabt, das Maria am Ostbahnhof, da gab es Musik zu hören, und da haben wir Veränderungen im Wesentlichen über das Licht vorgenommen. Mich hat diese Lust zur permanenten Umdekoration also auch aus einer Innenansicht heraus interessiert. Ich schüttelte den Kopf, als ich begriff, was für eine Arbeit dahinter steckte. Das ist viel Arbeit, und du musst ja trotzdem Geld verdienen. Als das Ritter Butzke noch illegal war, habe ich manchmal gedacht: Wenn ihr eines Tages, so wie ich, Steuern bezahlen müsst, dann werdet ihr merken, dass euch ein Teil des Freiraums wegbricht. Aber dann war der Club legal, und sie haben einfach weiter umdekoriert.
Trotzdem: Du hättest auch in der Bar 25 fotografieren können.
Mit Johannes von Jena kannte ich den Betreiber gut, und er hat mich auch explizit zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen, wenn er wieder einmal ein paar neue Räume aufgemacht hatte.
Wollte er diese sich verändernden Architekturen und Bühnenbilder von dir dokumentiert wissen, damit es Fotobeweise dieser Zeit gibt?
Das sicherlich auch. Ich habe bald begonnen, viel mehr in Farbe zu fotografieren, denn wenn was so unfassbar bunt leuchtet und flackert wie im Club, dann wollen die Bilder auch so festgehalten werden. Anders als bei mir in der Maria, wo man hinging, um sich ein Konzert oder einen DJ anzugucken, kamen sie ins Ritter Butzke, um Teil einer Party zu sein. Ich bin bald auch zu den privaten Feiern, die das Ritterbutzk für ihr Personal ausgerichtet hat, Weihnachtsfeiern und dergleichen, als Fotograf eingeladen worden. Als wir uns dann daran gemacht haben, das Buch Elegantly Wasted zu gestalten, hast du als Kurator der Ausstellung darauf gedrungen, im Buch die Illusion einer einzigen, wilden, nicht enden wollenden Partynacht entstehen zu lassen. Das war für mich ein völlig neuer Ansatz, weil er weg vom trocken Dokumentarischen hin zu einem eher erlebnishaften Design des Buches führte.
Man hätte aus dem Fotomaterial, das du mir zur Verfügung gestellt hattest, immerhin über 13.000 Bilder, auch ganz andere Bücher extrahieren können.
Das ist nicht nur legitim, es ergibt für das Buch auch Sinn. Für mich war es auf alle Fälle ganz anders, als ich es erwartet hatte. Aber ich habe durch die Auswahl und die Sortierung noch einmal einen gänzlich anderen Blick auf meine eigenen Bilder gewonnen. Ganz anders, denn ich habe eben darüberhinaus ja auch noch die andere Welt fotografiert, indem ich die Protagonisten fotografiert habe, auch in ihrer Privatheit, allerdings nicht in der Privatheit ihres Zuhauses, sondern in ihrer Privatheit in Zwischenmomenten der Clubmaschinerie.
Warum geht der Mensch eigentlich auf Partys? Man könnte ja auch bei sich zu Hause feiern, aber man geht in Berlin mehr aus als anderswo.
Wenn du bei dir zu Hause eine Party machst, kannst du anschließend auch selber wieder aufräumen. Das ist schon mal ein wichtiger Grund, warum man nicht zu Hause feiert, sondern woanders hingeht. Außerdem ist es natürlich ein hochprofessionelles Geschäft. Eine ordentliche Party zu veranstalten, die kaum Wünsche offen lässt und alles bietet, was man sich erwünscht, ist nicht leicht zu stemmen. Natürlich spielen auch die Gäste eine Rolle bei der Frage, ob eine Party gut wird oder nicht. Und das machte es so interessant, eine Party über einen Zeitraum von acht Stunden durchzufotografieren. Ganz viele Leute kommen ja nach Berlin auf der Suche nach diesem einen Erlebnis, was für sie wirklich magnifique ist.
Was macht eine tolle Party aus?
Eine tolle Party setzt sich aus sehr guter Musik, einem leistungsfähigen Soundsystem, freundlichem, professionellen Personal und nicht zuletzt aus einem Gefühl der Sicherheit zusammen – dass du safe bist, selbst wenn du Drogen nimmst oder sonstwie die Kontrolle verlierst. Für dieses Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit ist ein geschultes Personal absolut zwingend notwendig. Und das macht am Ende in seiner Gesamtheit eine wirklich tolle Party aus – dass man sich abseilen kann und dabei weiß, dass man nicht hinfällt.
Und du bistja bekannt geworden als Chronist der Berliner Nachwendejahre, wo Ostberlin leer stand und sich in diesen Lehrstellen neue Orte ergeben haben. Als du das Ritter Butzke fotografiert hast, da ist Berlin schon lange vereinigt und bereits halbwegs sortiert gewesen. Es gab immer weniger Freiräume. Inwiefern siehst du die Arbeit im Ritter Butzke als Verlängerung der Fotografie, die du vorher gemacht hast?
Ich komme aus dem Punk und aus der Hausbesetzerszene, und insofern habe ich auch diese Szene fotografiert, als wäre es meine Familie. Bis heute ärgere ich mich, weil ich es mir einfach finanziell nicht leisten konnte, dass ich nach dem Mauerfall nicht systematisch in den Straßenzügen die Baulücken fotografiert habe. Mir war damals nämlich völlig bewusst, dass dieses nach dem Krieg zerstörte und eigentlich nur rudimentär wieder aufgebaute Ostberlin so viele Baulücken hatte, die man sich, sind sie erst einmal zugebaut, gar nicht mehr vorstellen kann. Da gab es Durchblicke von der Straße in die dritten Hinterhöfe. All diese Leerräume sind heute nicht mehr vorhanden. Das ging relativ schnell nach 1995 los. Und spätestens mit der Invasion der Rollkoffer-Touristen, der sogenannten Easy-Jetsetter, wurde in jede Brache plötzlich ein Hotel gebaut. Aber ich hatte weder die Zeit noch das Geld, um all diese Baulücken zu fotografieren. Und das ist schade, denn eine solche Art wäre eigentlich noch viel historischer und typologischer gewesen als die Freakshow, die ich im besetzten Ostberlin fotografiert habe. Und trotzdem fühle und verstehe ich mich als ein Chronist. Das hat sich mir aber erst viel später erschlossen. Ich habe also nicht bewusst als Dokumentarist oder Chronist begonnen, aber ich habe Jahre später Ara Güler kennengelernt, den türkischen Fotograf des Jahrhunderts, den man auch das „Auge Istanbuls“ nennt. Güler hat über ein halbes Jahrhundert hinweg fotografiert, wie sich Istanbul verändert. Es gibt in seinen Bildern ein Istanbul zu entdecken, das es heute gar nicht mehr gibt. Er hat zum Beispiel ganz viele Holzhäuser dokumentarisch festgehalten in seinen Bildern. Konzeptuell wurde das bei mir nämlich erst, als ich eine zweite Runde Berlin fotografiert habe, von 2009 bis 2015. Und ich denke mal, dass ich auch noch eine dritte Runde Berlin fotografieren werde, bevor ich sterbe. Aber mit dem Rumlaufen wird es natürlich, je älter man wird, immer anstrengender. Aber das sollte mir trotzdem gelingen, denn gegen die 20 Millionen Einwohner von Istanbul ist Berlin ein Klacks.
Wundert es dich im Rückblick, dass du das Ritter Butzke so akribisch durchfotografiert hast? Ich hatte oft den Eindruck, da ist jemand, der geht einfach nicht nach Hause … der fotografiert einfach weiter, als ob die Setzung, der er sich unterworfen hat, als ob die ihn nicht müde hat werden lassen.
Tatsächlich habe ich im Laufe der Jahre im Ritter Butzke einige Abende durchfotografiert, aber tatsächlich ist es mir nur einmal wirklich gelungen, eine Party von Anfang bis Ende zu erfassen, obwohl ich mitgetrunken und gemeinsam mit den anderen Drogen genommen habe. Aber wenn wir uns deine Auswahl aus meinen Bildern nun Motiv für Motiv anschauen würden, dann könnte ich eigentlich bei jedem Bild noch nachvollziehen, wann ich da wohl nach Hause gegangen bin. Viele Partys in Berlin gehen über drei Tage, das hält man auf Dauer nicht aus. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, nachts für ein paar Stunden vorbeizuschauen und zwischendurch noch mal nach Hause zu gehen, um dann vielleicht um 9 Uhr morgens, wenn es bereits wieder hell ist, nochmal zu fotografieren. Der Vorteil daran war, dass es in diesen Momenten eine Diskrepanz gab. Die Leute waren druff oder bereits erschöpft, und ich war recht nüchtern. Ich war komplett fokussiert, während die anderen in einer Zwischenwelt waren. Es war für mich auch immer wahnsinnig schön, morgens zu einer Afterhour zu kommen und endlich mal wieder Licht zum Fotografieren haben. Im Club selbst ist es ja, trotz aller Lichter und Strahler, immer sehr dunkel. Das Fotografieren im Club ist daher sehr anstrengend, weil es permanentes Refokussieren bedeutet, eine unentwegte Suche nach Licht im Dunkel ist. Es kostet so viel mehr Energie, in der Dunkelheit ein gutes Bild zu finden. Morgens, nüchtern, und bei gutem Licht geht das hingegen wie am Schnürchen. Trotzdem habe ich auch bei wirklich niedrigsten Lichtverhältnissen noch ordentliche Arbeit abgeliefert.
In Elegantly Wasted finden sich viele Porträts von DJs und Live Acts bei der Arbeit. Sie posieren eben nicht für dich nach ihrem Auftritt, sondern du fotografierst sie beim Auflegen, in der Interaktion mit ihrem Publikum, das, anders als in vielen anderen Clubs, den Künstlern sehr nah ist. Es gibt eigentlich gar keine Distanz.
Es gibt einen Berliner Fotografen, Martin Eberle, der hat einmal eine sehr schöne Serie gemacht über DJs oder Musiker. Immer, wenn die ihren Gig beendet hatten und total verschwitzt und zerstört von der Bühne gegangen sind, hat er sie fotografiert. Das sind dann richtig klassische Porträts in Serie. Aber mir ging es eher um die Situation als um das Porträt. Ich wollte immer wieder festhalten, wie der DJ sein Publikum fixiert, anstachelt, aufpumpt und in Ekstase bringt. Auf großen Festivals ist die Bühne von DJs in der Regel ein großer Tisch, auf dem alles streng geordnet ist. Da gibt es viel Leere und mehr Security-Personal als nötig, damit da niemand auf die Bühne kommt. In einem Club wie dem Ritter Butzke ist das natürlich eine völlig andere Angelegenheit. Da bist du zum Anfassen nah dran. Gäste bringen den DJs Getränke, oder sie bekommen einen Kuss ins Gesicht gedrückt. Ob man in meinen Bildern den DJ gut erkennen kann, ist schlussendlich gar nicht so wichtig. Viel wichtiger für mich war, dass man die Aktion sieht. Es gab auch Künstler, die ich fotografiert habe, von denen ich gar nicht wusste, wie berühmt sie eigentlich waren.
Im Grunde hast du klassisch fotografiert, indem du dich stets nach einem schönen, erzählenden Motiv umgeschaut hast.
Aber eben nicht gestellt. Natürlich könnte man jedes meiner Bilder perfekter nachstellen und viel besser ausleuchten wie in der Fashion-Fotografie. Oliver Rath hat so gearbeitet. Der war noch recht jung und hat ganz viele Fotos gemacht, die in meinem Universum spielen, die aber alle inszeniert waren. Und obwohl unsere Bilder sich manchmal ähneln, würde ich klar sagen, dass unsere Positionen am weitesten voneinander entfernt sind.
Warum ist es dir so wichtig, dass deine Bilder nicht gestellt sind?
Weil ich im klassischen Sinne Dokumentarfotograf bin. Früher konnten von diesem Beruf viele Fotografen leben, die auch alle einen sehr guten Namen hatten. Das ist heute nicht mehr der Fall, weil sich das Dokumentarische heute in die sozialen Medien verschoben hat. Allerdings tauchen diese Bilder dort oft bezugslos auf – ohne Kontext und Hintergrundinformationen. Zunehmend wissen wir auch nicht mehr, inwiefern sie mit künstlicher Intelligenz manipuliert oder optimiert worden sind. Das hätte es früher so nicht gegeben. Insofern gehöre ich ganz klar einer alten Schule von Dokumentarfotografie an. Übrigens auch deshalb fotografiere ich bevorzugt in Schwarz-Weiß, weil ich mich damit in einer Tradition bewege. Nur für die Fotos, die im Ritter Butzke entstanden sind, habe ich hier eine Ausnahme gemacht.
Max Dax
Max Dax hat als Chefredakteur die Magazine Alert, Spex und Electronic Beats geleitet und zuletzt 2019 die Ausstellung HYPER! A Journey into Art and Music in den Deichtorhallen Hamburg kuratiert. Als Fotograf veröffentlichte er die Bildbände Palermo und Napoli (beide im Verlag Earbooks) als Autor u.a. die Bücher 30 Gespräche (Edition Suhrkamp), Scooter Always Hardcore (Edel) und Einstürzende Neubauten: Nur was nicht ist ist möglich (Bosworth). Als Musikproduzent veröffentlichte er u.a. die Alben Il Canto di Malavita – La Musica della Mafia (PIAS) und Invisible Republic – The Music that Influenced Bob Dylan (Repertoire Records). Als Musiker ist er aktives Mitglied der Bands Transhuman Art Critics und LAWBF. In Berlin betreibt er gemeinsam mit Luci Lux die Santa Lucia Galerie der Gespräche.
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