Johanna Staniczek: „Elementarkräfte“
Irpfel
Die Arbeit, die Johanna Staniczek für den flyer zur Ausstellung des Künstlerhauses Hooksiel ausgewählt hat, heißt „Irpfel“. Diese Arbeit, eine Kohlezeichnung in überwiegend hell-dunklen Farben, zeigt einen Apfelbaum mit weit ausgreifenden, kahlen Ästen vor einem blendend hellen Licht, das wir durchaus als Licht der Nachmittagssonne interpretieren können.
Weil mir das Wort Irpfel nicht geläufig war und um herauszufinden, was mit Irpfel gemeint ist, habe ich diesen Begriff im Internet eingegeben und bin dabei sehr schnell auf die Seite „flieger.news – Das Magazin der Leicht-Aviatik“ gelangt, einem Periodikum, das sich vor allem an passionierte Flieger wendet. Einer der jüngsten Beiträge ist überschrieben: „Auf der Giengener Irpfel geht‘s wieder in die Luft“. So bezeichnet denn der Titel der Arbeit von Johanna Staniczek nicht etwa den Baum, den wir sehen, sondern die Landschaft, in der er steht, eine Gegend in der Schwäbischen Ostalb.
Von der Künstlerin weiß ich, dass die Arbeit „Irpfel“ an einem Winternachmittag entstanden ist. Genauer: am Nachmittag eines 24. Dezembers. Der Termin ist bezeichnend, denn der 24. Dezember, Heiligabend, ist der Vorabend des Weihnachtsfestes und in der christlichen Tradition ein ganz besonders wichtiger Tag der Weihnachtszeit.
Licht
Mit der Geburt Jesu kommt am Heiligabend das Licht in die Welt. Ganz allgemein steht das Licht für Leben, Hoffnung und Orientierung. Licht spendet Wärme und Geborgenheit in der Dunkelheit. Licht ist das, was die Körper sichtbar macht, schrieb der Physiker und Jurist Johann Samuel Traugott Gehler 1787 im Physikalischen Wörterbuch. Georg Wilhelm Friedrich Hegel nennt das Licht das existierende allgemeine Selbst der Materie. Spätere Lexika definieren Licht als die Ursache der Sichtbarkeit der Gegenstände, dann als die durch das Auge wahrnehmbaren Sinnesempfindungen und die Strahlung in Form elektromagnetischer Wellen, die einen Lichteindruck auslösen kann. Kunstlicht ist längst zu einem Ausstellungsthema großer Museen avanciert. Eine Ausstellung von 1928 mit dem Titel „Beleuchtung in alter Zeit“ zeigte damals zahlreiche Objekte zur Beleuchtung in vor- und frühindustrieller Zeit; Berliner Kaufleute und Industrielle der Firmen AEG, Siemens und Osram initiierten gleichzeitig zu dieser Ausstellung die Werbewoche „Berlin im Licht“, die die Stadt als leuchtende Metropole des Lichts und der Moderne zeigen sollte. Der Architekt und Stadtplaner Hugo Häring (1882–1957) hat einmal geschrieben: „Die Intensität einer Weltstadt kann gemessen werden an der Intensität ihres nächtlichen Lichtbildes. Wo nachts keine Lichter brennen, ist finstere Provinz.“ In unserer Zeit und Gegenwart mit ihren unzähligen künstlichen Lichtquellen ist es inzwischen kaum noch möglich, Dunkelheit oder gar Finsternis in der ihr eigenen Tiefe zu erleben und zu erfahren.
In den Bildern von Johanna Staniczek – ich verweise nur auf die beiden großen Formate an der Stirnwand, „Irpfel“ und „Vollmondnacht“ – kommt dem Licht eine so große Bedeutung zu, dass ich in meinem kurzen Vortrag noch mehrmals darauf eingehen werde. Und wie es der Zufall will, haben wir heute, am 16. Mai 2025, den Internationalen Tag des Lichts, der 2018 von der UNESCO ins Leben gerufen wurde.
Biographie
Johanna Staniczek wurde in der Nähe der Stadt Kattowitz in Polen geboren und zog mit ihren Eltern nach Süddeutschland in die Schwäbische Alb. Ihre starke Affinität zur Natur, zu Pflanzen, ihren Wuchsformen und insbesondere zu den Pflanzenformationen hatte in ihr zunächst den Wunsch aufkommen lassen, ihrem Vater nachzueifern und Försterin zu werden. Ihr Vater war von dieser Idee allerdings gar nicht begeistert.
So begann sie 1979 ein Studium an der Freien Kunstschule Stuttgart und wechselte 1981 an die Hochschule der Künste Berlin zu einer Zeit, in der die Neuen Wilden oder die Neuen Heftigen in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und Köln, in Deutschland und Österreich mit einer stark expressiven und subjektiven Malweise die Kunstszene dominierten. Namen wie Elvira Bach, Luciano Castelli, Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé, Albert und Markus Oehlen, Bernd Koberling und Martin Kippenberger gehören zu dieser Kunstströmung, die sich durch eine neue, wilde Malweise von der bürgerlichen Apathie der 80er Jahre abgrenzen wollte.
Für Johanna Staniczek bedeutete der Umzug von Stuttgart in das damalige West-Berlin im Jahr 1981 einen Einschnitt und einen Umbruch. Bei ihren Erkundungen der Stadt, wenn sie abends von der Kunsthochschule in Charlottenburg zu Fuß nach Kreuzberg ging, war ihr ein Gedichtband mit dem Titel „Großstadtlyrik“ ein wichtiger Begleiter. Die darin beschriebenen Orte suchte sie bei ihren nächtlichen Spaziergängen auf und ließ sich inspirieren. Über die Ambivalenz von Großstädten liest man in diesem Gedichtband: „Großstädte sind die Experimentierfelder der Moderne. Sie stehen für die Befreiung aus provinzieller Enge und Orientierungslosigkeit, für Erlebnisreichtum und Isolation, für Komsumparadies und Elend, für technischen Fortschritt und ökologische Fehlentwicklungen. Vom Naturalismus bis in die Gegenwart haben Lyriker die Entwicklung dieses Phänomens in ihren Gedichten festgehalten.“
Ihr Studium der Freien Malerei schloss Johanna Staniczek in Berlin mit dem Meisterstudium bei Professor Wolfgang Petrick ab. Nach einer Gastdozentur, ebenfalls an der Hochschule der Künste Berlin, folgte sie 2001 einem Ruf als Professorin für Malerei und Grafik am Institut für Kunstpädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seit 2020 lebt und arbeitet Johanna Staniczek als freie Künstlerin in Berlin.
Natur und Konstruktion
Die Ausstellungstätigkeit von Johanna Staniczek ist dokumentiert in zahlreichen Katalogen; sie reicht bis weit in die 1980er Jahre zurück. Bereits in einem Katalog, der „Bilder und Zeichnungen“ in Ölmalerei, Acryl, Eitempera und Kreide auf Papier oder Nessel aus den Jahren 1984 bis 1986 zeigt, sieht man Brückenbilder, Zeiträder, Schienen, großformatig und mit expressivem Malgestus auf den entsprechenden Malgrund übertragen. Die Bilder heißen „Kölner Rheinbrücke“, „Blendung II“, „Millionenbrücke III“, „Westhafen“. Die darauf dargestellten Eisenkonstruktionen werden erfahrbar in ihren stark kontrastierenden hellen und dunklen Farben Schwarz, Violett, Blau, Braun und Gelb. Unmittelbar daneben steht die Arbeit „Bergnacht und Feuer“, Acryl, Öl, Erde auf Nessel. Hier geht die Künstlerin so weit, dass sie eines der Elemente, Erde, einsetzt und selbst zum Malmittel macht.
Natur ist in den Arbeiten von Johanna Staniczek in der Vergangenheit und aktuell immer ein großes Thema. Licht und Schatten, Luft und Wasser sind einige der Elementarkräfte, die sie in dieser Ausstellung präsentiert. Eine Reise im Juni des vergangenen Jahres führte Johanna Staniczek für einige Zeit nach Island. Im Verlauf dieses Aufenthalts sind zahlreiche Gletscherbilder entstanden, von denen eine Auswahl in dieser Ausstellung zu sehen ist. In diesen Bildern – Zeichnungen und Fotografien – wird die Natur mit ihren riesigen Eisflächen und den Unwetterereignissen nicht nur in ihrer Erhabenheit sichtbar, sondern der Betrachter erfährt in ihnen auch etwas von ihrer Urgewalt und Brutalität.
Ein Altarbild aus dieser Zeit nennt Johanna Staniczek „Die fünf Elemente“. In leicht abgewandelter Form sind diese fünf Elemente nicht völlig identisch mit den klassischen vier Elementen, sondern sie bestehen aus Metall (das Schmelzbare), Feuer, Erde, Wasser und Holz (Luft). Im Zentrum dieses Altarbildes sehen wir eine weite Ebene, gerahmt von einer Brückenkonstruktion (links) und Birken (rechts). In den Bildern „Wald und Flugzeug“ und „Kanone und Mondaufgang“, beides Arbeiten aus den Jahren 1986, treibt Johanna Staniczek die Gegenüberstellung von Natur und Technik auf die Spitze.
Der Kunsthistoriker Werner Köhler hat darauf hingewiesen, dass das, was bei den naturalistischen und bisweilen romantisch anmutenden Bildern von Johanna Staniczek mit Blumen, weiten Ebenen, einzelnen Birken oder ganzen Wäldern – wie das Diptychon „Der große Wald“ von 1985 – auf den ersten Blick so vertraut erscheint, bei aller formalen und kompositorischen Strenge schon auf den zweiten Blick unheimlich zu werden beginnt. So gibt es auch in der romantischen Malerei, in der Musik und Literatur eine wirkmächtige Nachtseite mit Elementen des Dämonischen, Gespenstischen und Phantastischen bis hin zu Grausamkeit und Tod.
Hooksiel
Die räumlichen Gegebenheiten im Künstlerhaus Hooksiel erlauben dem jeweiligen Künstler oder der Künstlerin bei ihren Ausstellungen lediglich, sich entweder auf wenige große Bildformate zu beschränken oder mehrere kleinformatige Arbeiten zu zeigen. Dem Künstler und Partner von Johanna Staniczek, Manfred Miersch, ist es gelungen, die Raumsituation im Künstlerhaus Hooksiel optimal auszunutzen und sowohl drei großformatige Arbeiten „Irpfel“, „Vollmondnacht“ und „Müritz“ und etliche kleinere Formate für die Ausstellung „Elementarkräfte“ in einer Weise zu präsentieren, die mir, seit ich sie am vergangenen Mittwoch erstmals sehen durfte, einigen Respekt abnötigt. Allerdings: eine umfassende Schau aus dem Werk der Künstlerin Johanna Staniczek ist schon aufgrund seines Umfangs nicht möglich.
Angesichts der Dominanz von Natur und Konstruktion als Themen in den Bildern von Johanna Staniczek war es nur folgerichtig, an die Küste zu gehen. Der vierwöchige Aufenthalt im Künstlerhaus Hooksiel beginnt nun Mitte Mai und fällt in die Hauptreisezeit für den Küstentourismus. Zu den Erwartungen an das Stipendium und an das Konzept für die Zeit des Aufenthalts am und im Küstenort Hooksiel mit seinem rauen Klima gehören die Erfahrung der Natur, der gigantische Deich, der Gezeitenwechsel mit dem Spiel von Ebbe und Flut, das Wetter mit Wind und Regen, das intensive Licht, die eindrucksvollen Wolkenformationen, aber auch die gute Luft, die intensive Sonneneinstrahlung – das hier vorherrschende Reizklima. Dies alles wird auf ganz bestimmte Weise Eingang finden in die Kunst von Johanna Staniczek.
Eckhard Fürlus
Dr. Eckhard Fürlus, geboren in Jever, Friesland. Studium der Philosophie und der Theologie an der Freien Universität, der Technischen Universität und der Kirchlichen Hochschule in Berlin. Mitarbeiter der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz SMPK, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD, der Akademie der Künste und des Landesmuseums Berlinische Galerie. Von 1993 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berlinischen Galerie. 2006 künstlerischer/wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien zur Assistenz von Prof. Siegfried Zielinski im Bereich Archäologie / Variantologie der Medien; seit 2007 Dozent an der Universität der Künste Berlin (UdK), Institut für zeitbasierte Medien.
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