Saxophon-Koloss Vincent Herring füllt den Rathaussaal

Als Vincent Herring 1964 in Kentucky, USA, geboren wurde, war das die große Zeit des legendären Altsaxophonisten Julian „Cannonball“ Adderley, der mit seinem innovativen Soul-Jazz die Zuhörer rund um die Welt begeisterte. Gleiches lässt sich auch über die Europatournee von Vincent Herring & Soul Chemistry sagen. Die Band schickte am letzten Mittwoch im ausverkauften Rathaussaal von Jever ein grenzenlos begeistertes Publikum nach langem, kurzweiligem Konzert in die Nacht.

Verantwortlich für diese Offenbarung der musikalischen Power eines internationalen Stars war die Jazzakademie Nordsee, die Herrings „Chemiker“ nach Jever geholt hatte. Zwischen den Metropolen Hamburg und Frankfurt nahmen sich der Meister und seine Musiker einen Tag Zeit für die Masterclass der Akademie und für das krönende Konzert.  Seit Wochen steht Herrings aktuelles Album, eine Hommage zum 100. Geburtstag von Charlie Parker, an der der Spitze der Jazz-Charts.

Als erste Amtshandlung stellte Herring, der auch in Anzugsgröße und spitzzüngig-spannenden Ansagen an sein Vorbild erinnerte, das Mikrophon zur Seite. Der große, saftige Sound seines Saxophons benötigte in der guten Akustik des Rathaussaals keinerlei Verstärkung, selbst die schnellsten Läufe des überragenden Virtuosen standen wie ziselierte Tonperlen im Raum. Auch Urs Hager, Piano, Essiet Okun Essiet, Kontrabass, und Joris Dudli, Drums, kamen zu einer optimalen klanglichen Geltung. Die Band aus Amerikanern und Wienern entfachte ein mitreißendes, zweistündiges Potpourri von Jazz-Standards sowie von Kompositionen von Herring und Dudli. Die schnellen Tempi überwogen.

Urs Hager, Piano, Vincent Herring, Altsaxophon, Essiet Okun Essiet, Bass, Joris Dudli, Drums. Bei einer seiner launigen Ansagen erwähnte Herring auch die örtliche Brauerei, die auf dem Foto bei der Bassbox sichtbar ist.

Essiet, geboren 1959 in Nebraska, USA, ist seit seiner Zeit bei Abdullah Ibrahim und Freddie Hubbard einer der gefragtesten Bassisten des Jazz überhaupt. Mit seinem voluminösen, an Ray Brown geschulten Ton strahlte er eine fundamentale Lässigkeit aus und harmonierte perfekt mit dem facettenreichen und antreibenden Schlagzeugspiel Dudlis. Der junge Pianist Urs Hager – erst kurz zuvor in die Band gekommen – sorgte mit seinen am klassischen Bop orientierten Läufen für inspirierte Abwechslung innerhalb der immens souligen Umgebung und überzeugte mit der Ballade „Peace“ von Horace Silver, seinem Feature-Stück.  

Bei einer Ansage ließ der hellwache Herring kein gutes Haar am gegenwärtigen Präsidenten seines Landes. Er ließ nicht zufällig den Abend mit der Zugabe von Mercer Ellingtons Blues „Things ain´t what they used to be“ („Die Dinge sind nicht mehr die, die sie waren.“) ausklingen.

Als junger Mann spielte Herring mit fast allen Größen des Modern Jazz (Dizzy Gillespie, Art Blakey, Nat Adderley), die da noch am Leben waren. Heute gehört er selbst zu den Fackelträgern dieser afro-amerikanisch begründeten Musiktradition. Wie das Feuer solcher Profis auf die jungen Musiker und Musikerinnen der Masterclass der Akademie übersprang, war einleitend zu erleben. Sie hatten das Vorprogramm unter den Augen und Ohren ihrer Lehrer zu absolvieren. Der Saal ging anfeuernd mit auf die wagemutige Reise durch die erst Stunden zuvor geprobten Jazz-Standards. Ihre Feuerprobe bestanden glänzend: Miriam Borchert und Mareike Gerdes, Gesang, Frank Schmidt, Altsaxophon, Jelte Hildebrands, Gitarre und Drums, Mattis Reinders, E-Piano, Klaas Hillmann und Lars Niemeyer, Kontra- und Elektrobass, und Jonathan Böttcher, Drums.

Frank Schmidt, Altsaxophon, Mattis Reinders, E-Piano, Mareike Gerdes, Vocal, Klaas Hillmann, E-Bass, und Miriam Borchert, Vocal, beim Stück „Nature Boy“, das Nat King Cole bekanntgemacht hat.

Die Jazzakademie an der Nordsee ist ein kultureller Start-Up des Landkreises Friesland und hat das Zeug, die Attraktion der Region bedeutend zu erweitern. Die Stadt Jever unterstützt das ambitionierte Vorhaben. Die zusammen mit dem künstlerischen Leiter Klaus Ignatzek konzipierte Akademiewoche findet im kommenden August jetzt zum dritten Mal statt. Wegen der erstaunlich hohen Anmeldezahlen hoben die Macher um Dr. Martin Dehrendorf als neue Konzertreihe die Dopplung von Weltklasse und Ausbildung aus der Taufe. Auch diese „academy in concert“ hat ein Alleinstellungsmerkmal in Nordwestdeutschland. Das schlüssig komponierte Konzept zieht junge Musiker und Musikerinnen nach Friesland, eine Ecke Deutschlands, und wird vom häufig weither angereisten Publikum zurückgezahlt.  

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Autor

Hartmut Peters (Jg. 1949) arbeitete bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2014 als Lehrer für Deutsch und Politik am Mariengymnasium Jever sowie als Leiter der umfangreichen historischen Bibliothek dieser Schule. Er wohnt in Wilhelmshaven, wo er ehrenamtlich bei der Betreuung der hier auftretenden Jazzstars (Art Ensemble, Mingus und viele andere mehr) tätig war. Im Bereich improvisierte Musik liebt er vor allem Charlie Parker, Archie Shepp und Peter Brötzmann. Er ist Autor landesgeschichtlicher Publikationen über die Geschichte der Juden und die NS-Zeit.