Cécile Wajsbrot, Offener Himmel

Kein Genuß ist so vielseitig wie das Denken, und ihm huldigen wir.
— Jorge Luis Borges

„Ich gehe nach vorn, löse mich vom Chor …“ ist einer der markanten Sätze auf den ersten 6 Seiten im Buch „Offener Himmel“ von Cécile Wajsbrot. Der nächste Satz, der hängen bleibt, ist ein Zitat. Sie, Cécile Wajsbrot, schreibt von „einigen Buchstaben, die einen Wahlspruch, einen Satz bilden“: I will survive. Gemeint ist nicht der Song „Touch of Grey“ von Grateful Dead, in dem dieser Satz im Refrain mehrmals auftaucht, sondern der Titel einer Installation einer „ausstellenden Künstlerin“, von Hito Steyerl. „I will survive“. Die dreiteilige Installation – ein Triptychon - zeigt einen Flugzeugabsturz in Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, kurz: hinterher, vorher und während des Crashs, und veranschaulicht die „Wahrnehmung einer Zeit, die sich dehnt oder zusammenzieht“.

Ein Flugzeugabsturz in der algerischen Wüste im Mai 1961 ist der Ausgangspunkt dieses Romans in 12 Kapiteln von Cécile Wajsbrot, der das Rätsel vom Verschwinden eines geliebten Menschen aus Kindheitstagen – die Patentante oder „Reisefee“ der Autorin – mehr umkreist, als dass er es beschreibt. Antrieb für die Suche nach Hinweisen ist, wie der Klappentext verlautet, die Sehnsucht einer Erinnerung an ein Verschwinden dieser Person.

Dabei oszilliert die Autorin zwischen Antike, Mittelalter, früher Neuzeit und Gegenwart, so im zweiten Kapitel, wenn sie von Franz von Assisi und seiner Predigt an die Vögel schreibt, von der flämischen Malerei im 17. Jahrhundert oder von Lukians Totengesprächen. Cyrano de Bergeracs „Reise zum Mond und zur Sonne“ fehlt ebenso wenig wie ein Rekurs auf den Essay „Im Flug über London“ von Virginia Woolf.

Cécile Wajsbrot, geboren 1954 als Kind polnischer Juden in Paris, studierte Romanistik und Komparatistik an der Sorbonne und arbeitete im Anschluss daran als Französischlehrerin, als Rundfunkredakteurin sowie als Übersetzerin aus dem Deutschen und Englischen. Seit 1989 lebt sie als freie Schriftstellerin in Paris und Berlin. 2007 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD. Cécile Wajsbrot ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin. Von den Preisen und Auszeichnungen, die sie für ihre schriftstellerische Tätigkeit erhalten hat, seien hier wenigstens der Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis (2014), der Prix de l`Académie de Berlin (2016), der Grand Prix de Littérature Henry Gal und der Aleksandar Tisma International Prize (2024) erwähnt. Von der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Duisburg / Essen wurde ihr 2024 die Ehrendoktorwürde verliehen.

Die Stadt Berlin, so Wajsbrot, habe ihr Denken verändert und ihr das Gefühl vermittelt, anders und besser zu schreiben, seitdem sie auch in Berlin lebt. Auf S. 86 erfährt der geneigte Leser, wo Céline Wajsbrot den Titel ihres aktuellen Romans, der im Französischen „Plein Ciel“ heißt und in Frankreich vor zwei Jahren erschienen ist, geborgt hat: „Der vorletzte Teil von Victor Hugos Weltlegende mit dem Titel ‚Zwanzigstes Jahrhundert‘ teilt sich wiederum in zwei Teile, ‚Offene See‘ und ‚Offener Himmel‘“. Darin lesen wir: „Es ist ein Schiff, das durch den Äther fliegt.“

„Raketen fliegen bis zu den Planeten im Sonnensystem
Und immer weiter.
Zum Mond, zum Mars.
Die Erde ist euch nicht mehr genug – ihr müsst den Weltraum in Besitz nehmen.
Werdet ihr die Sackgassen, die ihr geschaffen habt, dorthin bringen?
Was bedeutet das Wort, das man so oft hört.
Terraforming.
Bedeutet das, dieselben Fehler noch einmal zu begehen?
Dieselben Zerstörungen zu riskieren?“

Wolfgang Hübener, einst Professor am Institut für Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin, hat einmal gesagt, Philosophen sollten in der Zeit reisen, nicht im Raum. Céline Wajsbrot lässt uns teilhaben an den Denkbewegungen in die Vergangenheit. In die Kindheit. An ihren Erinnerungen an die Kindheit. An ihrer Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen. Die von ihr nach Art eines Polyhistors in die Lektüre eingestreuten Zitate und Beschreibungen aus Literatur, Filmkunst und Musik von Günther Anders über Blixa Bargeld, Clement Janequin, Krzysztof Kieslowski, Olivier Messiaen, Marcel Proust und Platon bis William Butler Yeats, um nur einige wenige zu nennen, werden am Ende des Buches in einem Quellenverzeichnis genannt. Alle diese Versatzstücke, darunter das verquere „Reise, reise“ von Rammstein, haben ihren Referenzpunkt in der Aviatik – oder sollte man besser sagen: in der Fliegekunst?

Ein großes Kompliment geht an die beiden Übersetzer*innen des Romans. Holger Fock und Sabine Müller, die seit 30 Jahren aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen, haben es scheinbar mühelos vermocht, den von der Presse als ebenso schön wie traurig, hart und zart beschriebenen Ton der Autorin souverän in die deutsche Sprache zu übertragen.

Cécile Wajsbrot, Offener Himmel. Roman
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Wallstein Verlag, 2026. 182 Seiten. 23,00 €.