Christa Mayer. Fotografie – Das Werk
Psychologie und die Kunst der Fotografie
Am 15. Januar 2026 wurde im Haus am Kleistpark in der Berliner Grunewaldstraße 6/7 die Ausstellung „Christa Mayer. Fotografie – Das Werk“ mit Fotografien aus den späten 1970er Jahren bis in die Gegenwart eröffnet. Zu den etwa 150 Arbeiten, die in dieser Werkschau gezeigt werden, gehören Landschaften aus den USA, Indien, La Gomera, Frankreich sowie Portraits aus der Psychiatrie. Zwei Videoarbeiten ergänzen die Ausstellung, die bis zum 6. April 2026 täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen ist. Der Katalog „Christa Mayer – Fotografie. Das Werk“, der anlässlich von Christa Mayers 80. Geburtstag im Berliner DISTANZ-Verlag erschienen ist, enthält auf 288 Seiten 200 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Beiträge auf Deutsch und Englisch von Carolin Förster, Maren Lübbke-Tidow, Barbara Esch Marowski und Thomas Weski und kostet 40,- €.
Die Redaktion TUXAMOON dankt Christa Mayer und der Kuratorin der Ausstellung, Carolin Förster, für die Erlaubnis, das Interview, das Carolin Förster mit Christa Mayer gemacht hat, zu veröffentlichen.
Carolin Förster: Christa, wie bist du zur Fotografie gekommen? Du bist ja von deiner Ausbildung her Psychologin.
Christa Mayer: Einmal durch eine Jugendbuchserie über ein Mädchen namens Bettina und deren Berufswunsch: „Bettina, die rasende Reporterin“, das war eine Identifikationsfigur für mich. Ich habe alle Bücher über sie, die ich aus der katholischen Pfarrbücherei ausgeliehen hatte, verschlungen! Mit 13, 14 Jahren habe ich ein Jahr lang leidenschaftlich fotografiert. Ich fing an mit einer Box, einer preiswerten Kastenkamera, und ich bekam dann die alte Agfa von meinem Vater. Ich habe einfach alles, was mir über den Weg lief, fotografiert: die Familie und unseren geliebten Dackel, die Pfadfinderinnen beim romantischen Lagerfeuer, meine Mitschülerinnen und unseren Englischlehrer, in den wir alle verknallt waren – er bestellte damals das Foto zehnmal bei mir. Also vor allem Menschen, nichts anderes, keine Landschaften.
Dein Interesse galt also vor allem Menschen?! Wie ging es weiter? Wie kamst du zur Psychologie? Und dann eben auch zur Fotografie?
Als ich von einem Studium der Psychologie hörte, wusste ich sofort, das ist mein Weg. Nach dem Vordiplom entschloss ich mich, mein Psychologiestudium in Berlin fortzusetzen. Mein ganzes Interesse galt dem Verstehen der menschlichen Seele und den Möglichkeiten, psychische Krankheiten heilen zu können. Von Berlin erwartete ich mir mehr Offenheit und Freiheit, vor allem im Hinblick auf Themen, mit denen ich mich intensiv befasst hatte, wie Emanzipation, antiautoritäre Erziehung, die Frankfurter Schule und Antipsychiatrie. Im Lauf der Jahre sammelte ich Erfahrungen mit verschiedenen Therapiemethoden, sowohl in der Ausbildung als auch in der Selbsterfahrung. Als Schwerpunkt durchlief ich dann viele Jahre eine psychoanalytische Ausbildung mit eigener Analyse.
Als ich eine Anstellung auf einer Station für chronisch psychisch Kranke in einer Berliner Nervenklinik bekam und am ersten Tag die Station betrat, die in der alten Villa am Wannsee untergebracht war, wusste ich: Jetzt ist der Punkt gekommen, mir eine Kamera zu kaufen! Ich hatte die Vision, dass ich hier etwas mit meinen Fähigkeiten schaffen könnte. Ich war wie jemand, der eine Fährte aufgenommen hat.
Silvia: Ich will endlich leben!, 1990, aus der Serie „Abwesende II“, 1987-1996, C-Print
Du hast einfach angefangen, dort zu fotografieren.
Alle haben das unterstützt: der Chefarzt, die Stationsärztin, die Schwestern und Pfleger, alle fanden es gut. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der Klinik. Ein solches Projekt war von Interesse und auch, dass ich dabei anders fotografierte, als es bisher üblich war.
Am Anfang war ich eine unter anderen, die fotografierte. Das Personal fotografierte sowieso die Patient*innen auf Ausflügen, im Urlaub oder an Fasching. Wir haben meine Bilder immer an Tafeln präsentiert. Manchmal wurde ein Porträt über den Nachttisch eines Patienten oder einer Patientin gehängt, dann wurde er oder sie unter Umständen darauf angesprochen. Und ich hatte großes Glück in der Klinik, dass meine Fotografie und später auch meine Arbeit mit Video und Theater nicht kritisch gesehen, sondern als etwas begrüßt wurde, worüber sich die Patient*innen freuen, als etwas, das sich anregend und positiv auf das Klima der Station auswirkte. Ich habe von vielen Seiten Unterstützung bekommen: Eine Beschäftigungstherapeutin hat mich im Keller unserer Station in das Printen von Fotos eingeführt, und von Hermann Röder, einem Verantwortlichen der Klinik, erhielt ich in all den Jahren viel Beratung bei fototechnischen Fragen.
Dann gab es einen Punkt, an dem du noch mehr lernen wolltest. Hast du dir da Hilfe geholt?
Ich besuchte mit meinem Freund Rolf Mauff die Galerie Nagel in Berlin. Ich habe gleich gesagt, ich würde gerne eine Ausbildung machen. Herr Nagel antwortete: „Da gibt es nur einen Ort, die Photowerkstatt Kreuzberg“, und ich solle zu Ulrich Görlich gehen. Leider überschnitt sich Görlichs Kurs mit einem wunderbaren Seminar über den Traum am Psychoanalytischen Institut, das ich nicht ausfallen lassen wollte. Dann bin ich zu Klaus-Peter Voutta in den Kurs gekommen, wo ich viel lernte und mich sehr wohl fühlte.
Was war für dich das Besondere an der „Werkstatt für Photographie“?
Die „Werkstatt“ war ein Kommunikationsfeld für fotografische Amateure, in dem ich vielerlei Anleitung und Anregungen bekam. Friedhelm Denkeler hat mich zum Beispiel auf Lewis Hine, Sally Mann und viele andere amerikanische Fotografen aufmerksam gemacht. Als ich 1982 New York besuchte, ist vor meinem Hotel ein Pferd zusammengebrochen. Ich fand das sehr spannend, bin mit meiner Leica runtergerannt und habe diese ganze Prozedur aufgenommen, wie das Pferd mit einem Wasserschlauch bespritzt wurde, damit es wieder auf die Beine kam. Nachdem ich die Bilder in der Werkstatt gezeigt hatte, schlenderte Klaus-Peter Voutta zum Regal und holte das Buch The New Color Photography von Sally Eauclaire hervor, wo eine fast identische Szene abgebildet war, aufgenommen von Joel Meyerowitz – da habe ich verstanden: Ich bin eine Anfängerin. Aber ich habe alles aufgesogen, was nur ging. Ich hatte derart Feuer gefangen, dass ich voll und ganz in meiner Berufung für die Psychologie und für die Kunst der Fotografie aufgegangen bin.
Büffelkuh, Varanasi, Indien, 2001, Silbergelatineabzug
Du hast auch selbst recherchiert, und du warst in der Library of Congress in Washington D.C..
1982 habe ich meinen Freund Carlos Bustamante bei einer Recherche in der Library of Congress begleitet. Er wollte ein Drehbuch über die FSA, die Farm Security Administration, schreiben. Während er seine Nachforschungen anstellte, habe ich dort die ganzen Archiv-Kästen mit Fotos von der FSA durchgeschaut. Dorothea Lange und Walker Evans haben mich besonders interessiert. Evans wurde damals – es war die Zeit der Großen Depression – vorgeworfen, dass er zu „schön“ fotografiere und nicht genügend die Armut hervorhebe. Aber genau das hat mich angesprochen, weil ich in meinen Bildern von den Patienten auch das Schöne und Gute gesucht habe.
War es für dich wichtig, einen bestimmten Inhalt auch mit einer bestimmten, passenden Form zu verbinden? Du hast ursprünglich mit einer Leica fotografiert, bist aber nicht dabei geblieben?
Mein Freund Rolf Mauff hatte in einem kleinen Laden in der Kantstraße mit Secondhand-Kameras eine Rollei mit Tessar-Objektiv, aber ohne Belichtungsmesser entdeckt, die ich an seiner Stelle gekauft habe. Und mit der war es die große Liebe, das war meine Kamera, auf mich zugeschnitten. Ich habe gelernt, mit der Nahlinse zu arbeiten und mit einem separaten Belichtungsmesser, dem Luna Six. Zusätzlich hatte ich noch ein gutes Stativ gekauft. Die ganze Prozedur des Einlegens des Films, der Aufbau der Kamera etc., das hat mir mehr und mehr entsprochen. Vor allem konnte ich den Blickkontakt mit der Person vor der Kamera halten, und ich habe immer lange gewartet, bis ich anfing zu fotografieren. Langsam habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wann sich Situationen verdichten, wann ich sagen kann, so, jetzt.
Es gibt ja deine sehr prägnanten Porträts aus den 1980er-Jahren. Du bist mit den Menschen in dem Bild verbunden über das Sehen, kann man das so sagen?
Schlafraum, 1982, aus der Serie „Abwesende I“, 1979-1986, Silbergelatineabzug
Schon als Kind habe ich oft sehr intensiv und ausdauernd Menschen angeschaut, vor allem konnte ich mich ganz stark in Gesichter vertiefen, wenn ich Schönheit darin entdeckt habe.
Und die Psychiatrie hat in ihren Ursprüngen ja auch stark bei der Physiognomie angesetzt. Zunächst hat man Gesichter vermessen wollen, der Forscher und Daseinsanalytiker Ludwig Binswanger hat dann einen ganz anderen Weg eingeschlagen: Er ist von dem Umstand ausgegangen, dass in einer menschlichen Begegnung der Andere einen Eindruck auf uns macht, dass die Erscheinung des Gesichts mit einer gewissen Ausstrahlung verbunden ist. Um sie wahrzunehmen, war die Offenheit für jegliche Äußerungen der Kranken und ein wirkliches Miteinander von Behandelnden und Patient*in wichtig. In meinen Bildern fotografiere ich keine Objekte, sondern, wenn ich Glück habe, findet Begegnung und Verstehen statt. In solchen Bildern erscheint dann meine Welt ebenso wie die des Anderen. Es ist eine Begegnung von Subjekt zu Subjekt.
So war es zum Beispiel in meinem ersten Bild, dem Schlafraum – eines meiner besten Bilder, aufgenommen mit dem ersten Film mit meiner Rolleiflex. Ich habe das Bild diesem Patienten, Herrn H., zuliebe aufgenommen, weil er Geburtstag hatte, weil er es so gerne wollte. Er hatte sich fein gemacht, den Ort für die Aufnahme ausgesucht und sich gewünscht, dass sein Freund, Herr St., dabei sein sollte. Dieser hatte sich sofort aufs Bett gelegt, was sonst tagsüber verboten war. Herr H. hatte die Szene gut vorbereitet. Und er ergriff diese russische Puppe, die Matroschka, um ihr den äußersten Kopf abzunehmen. Ich hatte gerade gelernt, wie man in solch schwierigen Lichtverhältnissen wie dort mit dem Gegenlicht fotografiert und wie man die Belichtung misst. Oft habe ich das Gefühl, nicht ich fotografiere, sondern „es“.
Fotografie war mir ganz wichtig, damit ich auch das Leid der Menschen in der Klinik aushalte, damit ich überhaupt den Beruf aushalte. Ich hatte mit der Fotografie ein Gegengewicht. Und für mich war die Kunst eine Kraftquelle. Es war auch wichtig, spontan neue Ideen zu entwickeln. An einem sonnigen Nachmittag, als ich gerade etwas Zeit hatte, trat ich in den großen Speiseraum, wo gerade der Kaffee ausgeschenkt wurde. Da saß Herr St., und ich fragte, ob ich ihn fotografieren dürfe. Er trat vor mir aus dem Haus, stellte sich vor das Gebäude in dem wunderbaren Nachmittagslicht und begann spontan mit seinem Schatten zu spielen. Er warf sich in Positur, hob seinen Arm und sagte: „So grüßte Adolf Hitler!“. Dann fuhr er fort: „Und so grüßte Stalin, und so grüßte Mussolini.“ Als ich die Bilder entwickelt hatte, fragte ich ihn, ob er mir sagen könne, was er dargestellt habe. Jetzt kamen ganz andere Aussagen. Er hatte in der Situation des Fotografiert-Werdens – mit der Projektion seines Schattens im doppelten Sinne – eine Seite von sich offengelegt, die er sonst freiwillig nicht gezeigt hätte. Es war wortwörtlich eine Schattenseite von ihm, diese fiesen Diktatoren darzustellen, wenn er sich unbeobachtet fühlte. So war die Konstellation: Ich hatte Zeit und war in Fotografierlaune, das Licht war gut, und es gab einen Patienten, der bereitwillig mitgemacht hat. So etwas war natürlich immer ein Glücksfall.
Deine Fotografie hat eine größere Außenwirkung jenseits des Klinikbereichs erzielt: Du warst im Kunstbereich erfolgreich, hast Stipendien bekommen und konntest nach New York gehen. Das zeigt: Deine Arbeit hat einen Nerv getroffen.
New York war für mich wunderbar, ein Geschenk des Himmels! Der Chefarzt der Klinik, Dr. Klemm, sagte zu mir: „Das werden Sie ihr Leben lang nicht vergessen, davon werden Sie ihr Leben lang zehren“ – und er hatte recht. Vorher hatte ich mich hundertprozentig für die Arbeit auf der Station engagiert und mich mit deren Entwicklung identifiziert. Aber dadurch war ich doch in meinem Radius etwas eingeschränkt. In New York hatte ich dann plötzlich viele Künstlerfreunde und die Zeit dafür. Ich habe durch sie auch neue Dinge kennengelernt. Ich habe am Anfang in New York Sätze gesammelt zu der Frage, „What is typical American and what is typical German?“. Zu neuen Ideen nahm man dort eine andere Haltung ein: Man ermutigte dazu, sie umzusetzen und sagte: „Great idea – just do it!“. Ich wurde dadurch optimistischer und experimentierfreudiger.
M. Teich, Psychoanalytikerin, New York, 1987, aus der Serie „Heilende“, 1982-1989, Silbergelatineabzug
Und du hast auch Fotografen und Fotografinnen kennengelernt?
Ich habe Robert Frank und Larry Fink wieder getroffen – denen ich in Berlin bei ihren Workshops in der „Werkstatt“ 1981 beziehungsweise 1985 begegnet bin – und Louis Faurer, John Coplans, Duane Michals, Mary Ellen Mark kennengelernt … Und außerdem viele Künstler, Maler, Tänzer, zum Beispiel den Schweizer Maler Andreas Senser, der ursprünglich Psychiater war. In der Inszenierung von ihm und einem Freund in meinem Atelier gab es Ahnungen und Ängste. Ein Bild zeigt, wie er sich mit einem Stuhl in meinem Atelier mit dem Gesicht vor die Wand gesetzt und seine Stirn dagegen gepresst hat. Er wusste, es geht nicht mehr weiter, obwohl er das zu dem Zeitpunkt eigentlich noch nicht wissen konnte. Er fuhr nach Paris und kam dann wegen seiner AIDS-Erkrankung im Rollstuhl zurück; er starb einige Monate später daran. Andreas’ Geschichten haben mich sehr interessiert: So erzählte er von einem Regenmacher in Südfrankreich, der ihn einmal geheilt hat. Das war vor seiner Zeit in New York als Künstler. Immer wenn er bei seiner Arbeit als Kinder-Psychiater Schwierigkeiten hatte, holte er sich Rat bei diesem Heiler. Auch darüber hatten wir eine Verbindung, weil wir uns beide für solche Heilungsmethoden interessierten.
Das ist ein Pfad, den du dann weiterverfolgen konntest. Du hast beispielsweise an einer Konferenz in Mexiko teilgenommen, die dich in eine ganz andere therapeutische Welt geführt hat.
Ich hatte mich bei einer Jungianer-Konferenz in Cancún in Mexiko beworben, die auch 1987 stattfinden sollte. Davor bin ich mit Sven Doehner, dem Veranstalter der Konferenz, durch die Halbinsel Yucatán gefahren, wo wir versucht haben, mayanische Schamanen oder Heiler zu finden. Wir sind dieser Spur gefolgt und immer tiefer in den Urwald gekommen. Wir trafen auf beeindruckende Persönlichkeiten und luden sie zur Konferenz ein.
Im Reisebüro in Mérida sagte man uns: „Gehen Sie doch morgen auf den Markt und schauen Sie, wer Kräuter verkauft, den sprechen Sie an.“ Am Ende war es genau der Kräuterkundige, der bei der Konferenz erstaunliche Fähigkeiten zeigte. Einmal saß er neben einer Analytikerin aus Mailand, Mia, und betrachtete ihre Tätowierung, eine Taube auf ihrem linken Oberarm, und fing an, von ihrem Leben zu erzählen, ohne sie je gesehen zu haben – sie bestätigte überrascht, dass alles der Wahrheit entsprach.
Ein mayanischer Heiler beschrieb seine Behandlungsmethode: Ein Hilfesuchender wendet sich mit einem Problem an einen Heiler. Dieser vertieft sich in diese Person und ahmt deren Haltung, Gestik und Gesichtsausdruck nach. Dann geht der Heiler schlafen, und im Schlaf erscheint ihm ein alter bärtiger Mann und fliegt gemeinsam mit ihm Hand in Hand über den Dschungel, um irgendwo auf ein Heilkraut zu zeigen. Am nächsten Morgen geht der Heiler in den Urwald zu der bezeichneten Stelle, wo dieses Kraut wächst – und das ist dann die Medizin, die hilft. Das waren Erfahrungen, die mich besonders beeindruckt haben und die ich häufig erlebt habe.
Mayanischer Schamane, Yucatán, Mexiko, 1987, aus der Serie „Heilende“, 1982-1989, Silbergelatineabzug
Du hast in Mexiko für dich auch eine andere Gruppe von Menschen als Protagonisten vor deiner Kamera entdeckt: Kinder.
Ja. Ich besuchte mit meinem Reisebegleiter seine Familie in Oaxaca. Er hatte da ein großes Haus mit einem großen Grundstück. Dort habe ich eine Gruppe Nachbarskinder getroffen, die habe ich dazu gebracht, Märchen- oder Fantasieszenen zu spielen und sich dafür zu verkleiden. Sie hatten zwei große Kisten mit Kleidung und haben sich verkleidet, wir sind rausgegangen, sie haben gespielt und ich habe fotografiert, fotografiert, fotografiert! Manchmal haben sich besondere Bildkonstellationen ergeben, das war sehr lebendig …
Diese Praxis hast du an anderen Orten fortgesetzt, zum Beispiel in Istanbul, dort warst du auch mit einem Stipendium des Berliner Senats. Und da hast du Kinder auf der Straße getroffen.
Eigentlich wollte ich in der Türkei Kinderarbeit fotografieren, ich kannte ja die Aufnahmen von Lewis Hine. Aber als ich dort war, haben mich noch mehr als die jungen Istanbuler Schuhputzer am Straßenrand oder die jugendlichen anatolischen Teppichknüpfer die glücklichen Kinder interessiert, die draußen spielten.
Du hast deine eigentlichen Bilder bei den Kindern gefunden, die im freien Spiel waren.
Eines Tages sah ich Kinder vor meiner Wohnung auf der kleinen Straße. Ich habe mich dazugesellt und mit ihnen mithilfe kleiner Zettel kommuniziert, die der Betreuer der Stipendiat*innen, Harald Schmidt, geschrieben hatte. Auch die Hausbesitzerin Oya Beygo, die aus ihrem Fenster heraus die Szene beobachtete, half beim Übersetzen. Gegenüber stand eine alte Mauer, schon etwas „run-down“, aber fotogen, nicht zu glatt, und dahinter war eine Moschee. Einen Hund gab es auch, es war ein großes Hallo und eine sehr gute Stimmung. Ich bin einfach rausgegangen und habe fotografiert. Es haben sich viele Szenen ergeben, einer hatte den Hund unter seinem Pullover versteckt, und dann sah man nur einen geheimnisvollen Schatten auf der Mauer, ohne zu wissen, woher der stammt. Das Ganze entwickelte sich zu einem kleinen Fest.
Die Straße generell war für dich in Istanbul auch eine besondere Bühne, weil du dort eine Videoarbeit gemacht hast?
Ich hatte meine Videokamera dabei, eine Super VHS Kamera und ein Stativ und ein gutes Mikrofon. Ich bin eine Straße im Viertel Cihangir entlanggegangen, ich war schon fast zu Hause, und es gab so ein wunderbares Nachmittagslicht mit dem Schattenspiel der Blätter auf der Mauer an der Straße. Es war wie ein Licht- und Schattentheater, nur die Bewegung der Zweige und Blätter im Wind, Leute sind vorbeigegangen und davor – wrmm, wrmm, wrmm – fuhren die Autos. Ich habe durch den Sucher geschaut und dieses Schauspiel gesehen – wunderbarI Ich habe alles aufgestellt, Kamera und Mikrofon, und das Ergebnis war der Film Ex Oriente Lux. Hinter der Mauer lag das Deutsche Krankenhaus, Alman Hastanesi.
Du hast die Technik des Videos auch dazu benutzt, mit den Menschen in der Klinik in Berlin in einer ganz bestimmten Weise zu arbeiten, in einem positiven Sinn.
Ich habe einzelne Personen „live“ aufgenommen und sie sich dabei betrachten lassen, sodass sie auf dem Bildschirm sich selbst erblickten wie in einem Spiegel. Die Kamera war über dem Fernseher platziert. Und wir sehen die unmittelbare Reaktion der Menschen auf sich selbst, ihr Spiegelbild. Deshalb nenne ich diese Praxis „Videospiegel“. Es war eine Möglichkeit für die Patient*innen, sich ihrer selbst zu vergewissern und auch das Gute in sich zu entdecken – neben den Seiten, die sie nicht an sich mochten. Ich konnte das gut nachempfinden, dieses Sich-selbst-so-kritisch-Ansehen, wie Silvia es tut, die sich im Gesicht herumzupft und an ihrer Gesichtshaut zieht, die ihre Haare färbt und dann abschneidet, die sich häufig umzieht und trotzdem nie zufrieden ist. Das ist keine Eitelkeit, sie ist sich sehr unsicher mit ihrem Aussehen. Ich konnte das verstehen, sie ermutigen – auch durch meine Bilder von ihr – und die Situation „halten“. Dann konnte sie es aushalten, sich selbst anzuschauen. Ähnlich war es bei Herrn St., dem „Blauen Mann“, obwohl auch er vor sich zurückschreckte und sich sogar vor seinem Spiegelbild versteckte.
Varanasi, Indien, 2001 (Baum im Haus), Silbergelatineabzug
Du hast auch ihn ermutigt – zu einer besonderen Stellungnahme.
Ich hatte Farbfotokopien gemacht im DIN-A3-Format und einen blauen Stift gekauft, damit es zu der Farbe des Bildes passt. Ich saß an meinem kleinen Tisch in dem schmalen Raum und bat ihn, seine Gefühle beim Betrachten seiner Porträts selbst darunterzuschreiben. Mein Herz hat geklopft! Ich war ganz still und habe ihm ein Bild nach dem anderen gereicht. Ich glaube, er hat insgesamt 14 Bilder beschriftet mit seiner steilen Schrift. Was da in ihm vorging – und er konnte das so gut versprachlichen. Das war unglaublich.
Du hast auch auf andere Weise mit den Texten der Patienten, die du ja über lange Zeit gesammelt hast, gearbeitet.
Ich erzähle das am Beispiel von Frau P., die habe ich über 18 Jahre lang betreut. Wenn sie gesprochen hat, habe ich manches einfach nicht verstanden, dann habe ich das Wort (oder den Satz) wörtlich in meine Berichte aufgenommen. Im Zuge der Auflösung der Station habe ich diese Sätze in einer Collage zusammengefasst, in der plötzlich alles einen Sinn ergab. Bei anderen Patient*innen habe ich manchmal von ihnen geäußerte Sätze im Alltag gemeinsam zu Texten geformt. Die haben wir dann bei Theateraufführungen in kleine Szenen umgesetzt. Dabei habe ich gemerkt, wenn ich etwas für Patient*innen, in ihrem Sinn, unternehme, auf ihre Ideen eingehe und es zu einer Zusammenarbeit kommt, wird das Ergebnis kreativer und aufregender.
Du hast öfter Bildern in verschiedenen Stadien den Titel „Seelenlandschaft“ gegeben. Du hast dich in späteren Jahren, als du nicht mehr in der Klinik tätig warst, sondern Gelegenheit hattest zu reisen, viel mit Landschaften beschäftigt.
Ich dachte, ich bin ein Neuling bei Landschaften angesichts dessen, was viele andere schon fotografiert hatten. Weder beherrschte ich das Zonensystem von Ansel Adams zur Abstimmung von Belichtung und Entwicklung der Bilder, noch war ich eine kritische Fotografin, die die Umweltzerstörung fotografiert wie die Fotografen des New Topographic Movements in den USA. Ich habe als Kind viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht und war dort oft einsam. Aber ich habe die Landschaft geliebt, die Bäume und den Wald. Wir hatten auch in unserem Elternhaus viele Gemälde, Darstellungen von Wald, von Gebirge, von Seen, und die habe ich alle von Kindheit an inhaliert. Wenn ich dort am Tisch saß, unser ganzes Haus war ausgestattet mit diesen Gemälden, habe ich mich in die Stimmung der jeweiligen Landschaft vertieft …
Du hast dich in Landschaften hineinversetzt, wie du dich auch in die Menschen hineinversetzt hast.
Ich habe darin Schönheit gesehen und manchmal auch Symbole. Einmal zum Beispiel, in Point Lobos in Kalifornien, da gab es mitten in der Landschaft ein paar flache Treppenstufen (im Felsen), und in der Ferne sieht man das Meer, und das war so etwas wie ein Lebenslauf. Als kämen da Herausforderungen in Form von Stufen auf dem (Lebens-)Weg. So etwas hatte ich damit assoziiert. Treppen haben es mir sowieso angetan oder Wege, die ins Nichts führen oder wo man nicht weiß, was hinter der Kurve kommt oder Ähnliches …
Point Reyes, Kalifornien, USA, 2006, Silbergelatineabzug
Du findest in der Natur das Kreatürliche, in Gesteinen oder in Bäumen und Felsformationen.
Wenn ich über Landschaft im Sinn von Ludwig Binswanger, den ich vorhin erwähnt habe, nachdenke, dann erhält auch die Landschaft ihren eigenen Charakter, wie ein Wesen. Einmal den Charakter, den ihr vielleicht die Menschen gegeben haben, indem sie sie bewirtschaftet haben. Aber auch etwas anderes darüber hinaus. Ich habe einfach versucht, Kontakt aufzunehmen mit der Landschaft oder mit dem Baum, auf eine gewisse Weise. Ob es funktioniert, wusste ich nicht, aber ich habe es versucht. Patti Smith beschrieb einmal, wie sie das Bett von Virginia Woolf fotografierte. Sie war ganz aufgeregt, als sie deren Schlafzimmer in Monk’s House betreten durfte; sie setzte sich auf einen Stuhl und bat die verstorbene Schriftstellerin um Inspiration. Und plötzlich nahm sie auf dem Bett das Kreuz wahr, gebildet durch die Falten und die Stickerei auf dem Laken. Sie machte das Foto und dankte Virginia. 1
Stimmt es, dass du den Gedanken C.G. Jungs nahestehst, und vielleicht schließt sich mit deiner Art von Landschaftsbetrachtung in gewisser Weise ein Kreis?
Die Lektüre von Jungs Schriften bedeutet mir viel. Sie hat mir auch bei der Arbeit mit meinen Patienten geholfen, wo es ja viel um Sinnfindung und um deren Gottesbild gegangen ist. Was mich anspricht, ist, dass er auf die großen Fragen des Lebens eingeht. Edward Christopher Whitmont, ein aus Wien emigrierter jüdischer Jungianer, den ich 1987 in New York fotografierte und interviewte, berichtete von einem Gespräch mit C. G. Jung, in dem dieser gefragt wurde, ob er an Reinkarnation glaube, und er antwortete: „Ich glaube es nicht, ich weiß es, aber heutzutage muss man das ja beweisen.“
Es gibt zum Beispiel den japanischen Wissenschaftler und Fotografen Masaru Emoto. Er hat bemerkt, dass die Wasserkristalle ganz verschiedene Strukturen besitzen, je nachdem welche seelische Ausstrahlung jemand hat, der ihnen nahekommt. Ich weiß nicht, ob das wirklich hieb- und stichfest und wissenschaftlich nachgewiesen ist, aber mich hat es sehr beeindruckt. Wenn man bedenkt, dass wir alle zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Wasser bestehen, leuchtet mir ein, dass es uns beeinflusst, wie jemand seelisch auf uns wirkt oder wie er Kontakt aufnimmt.
Wenn wir noch einmal zurückkommen auf das Spirituelle, darauf, dass du auch die Natur als beseelt empfindest: Hat das etwas zu tun mit deinen jüngsten Arbeiten, die ungegenständlich sind?
Das ist etwas, was mir in den Schoß fällt. Das ist wie ein Geschenk. Ich habe schon gesagt, manchmal ist es so, als ob nicht ich, sondern „es“ fotografiert. Es ist Intuition, eine Eingebung, wenn plötzlich alles stimmt. Spontan entsteht eine Situation, die ist wunderbar, und die wird mir gegeben. Etwas zeigt sich mir. Auf einer Ebene kann man das naturwissenschaftlich erklären, aber gleichzeitig spielt etwas auf einer anderen Ebene eine Rolle.
Christa Mayer (li) und Carolin Förster (re) am Eröffnungsabend der Werkschau. Foto © Eckhard Fürlus, 2026
Interview aus dem Buch „Christa Mayer. Fotografie – Das Werk/Photography – The Oeuvre, DISTANZ-Verlag Berlin, 2025, ISBN 978-3-95476-772-4, S. 252-263 © für den Text: Carolin Förster, Christa Mayer © Abbildungen: Christa Mayer, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
1 „I sat down on a chair and asked for her counsel. I didn’t want to fail. I pushed it to the darkest setting and concentrated on her single bed. The crease and the eyelet of the coverlet formed a cross. I felt her with me, and I was pleased with the picture and thanked her.“ Patti Smith, Camera solo, Ausst.-Kat. Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, Connecticut, New Haven 2011, S. 13.
Carolin Förster
Carolin Förster ist Kuratorin, Autorin und Fotohistorikerin, die sich besonders mit fotografischen Ausstellungen, Publikationen und historischen Kontexten der Fotografie beschäftigt.
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