Es ist Freitag, der 13. September 2019 und der vorletzte Tag im Rahmen des Programms, den das „musikfest bremen“ im Raum zwischen Ems und Weser ausgerichtet hat. Heute abend spielen Midori Seiler (Violine) und Andreas Staier (Hammerflügel) ein ganz spezielles Konzert: neben einer Sonate für Violine und Klavier A-Dur KV 526 und dem Adagio h-Moll KV 540 von Wolfgang Amadeus Mozart stehen die Sonate für Violine und Klavier D-Dur D 384 und die Sonate für Violine und Klavier A-Dur D 574 von Franz Schubert auf dem Programm sowie die Stücke Nr. 1 und Nr. 3 aus den Moments musicaux für Klavier – Musik an der Schwelle von der Wiener Klassik zur Romantik.

Eckhard Fürlus: Frau Seiler, Sie haben an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar unterrichtet und lehren an der Universität Mozarteum Salzburg.

Midori Seiler: Ja, beides wunderbare, interessante Hochschulen. Jetzt bin ich wieder in Weimar.

Fürlus: Sind Sie im Rahmen der „musiktage bremen“ zum ersten Mal hier im hohen Norden?

Seiler: Ich kenne die Gegend von privaten Gelegenheiten, aber auch musikalisch war ich schon einige Male im hohen Norden, z. B. in Wilhelmshaven.

Fürlus: Sie haben durch Ihre Lehrtätigkeit mit jungen Menschen zu tun. Bei vielen von mir in jüngerer und jüngster Zeit besuchten philharmonischen und kammermusikalischen Konzerten hatte ich den Eindruck, mich auf einer Ü 60 Party zu befinden, dem die Jugendlichen und jungen Leute fernbleiben. Ist das ein Phänomen nur in Deutschland? Wie ist es im internationalen Vergleich?

Ich würde nicht in eine Grabesrede auf die Konzertbesuche einstimmen wollen. Überhaupt nicht.

Midori Seiler

Seiler: Es kommt darauf an, was man wo spielt. Ich habe beispielsweise bei szenischen Konzerten erlebt, dass das Publikum nicht einseitig nur alt oder nur jung ist, sondern sehr gut durchmischt. Wenn ich in einem altehrwürdigen Festival spiele und die Karten sehr teuer sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass eher ältere Leute im Publikum sind. Wenn ich in in Kolumbien spiele, dann sehe ich sehr viele junge Leute, weil es großen Hunger gibt nach Musik, die aus Europa kommt. Genau so in Asien. Ich würde das nicht pauschalisieren, und ich würde auch immer im Auge behalten, dass wohl seit jeher für Künstler der „ernsten“ Musik der Eindruck bestand, dass man nicht für Jugendliche spielt, sondern für Leute, die arriviert sind im Leben, die sich Konzertkarten leisten können und die diese Plattform schätzen und suchen. Ich würde nicht in eine Grabesrede auf die Konzertbesuche einstimmen wollen. Überhaupt nicht.

Fürlus: Wie bekommt man junge Leute in die Konzertveranstaltungen mit Musik aus Barock, Klassik und Romantik? Oder sogar dem 20. und 21. Jahrhundert?

Seiler: Es gibt immer wieder erfolgreiche Initiativen von Kulturveranstaltern, die zum Beispiel Känguruh-Tickets anbieten, bei denen Jugendliche bis 16 Jahre bei Erwachsenen gratis mitgehen. Ich denke aber auch, dass das familiäre Umfeld nicht ganz unwichtig ist, dass Musik überhaupt eine Rolle spielt oder Literatur und die schönen Künste. Wenn die Generation Kinder bekommt, die eigentlich hauptsächlich virtuell vor dem Computer aufwächst, wird das, was wir tun, um so wichtiger.

Midori Seiler © beide Bilder: Maike Helbig

Fürlus: Es gab in den 60er Jahren Versuche von bekannteren Bands wie The Nice oder The Move, Versatzstücke aus der Musik Johann Sebastian Bachs oder aus klassischen Kompositionen in Popmusik einfließen zu lassen. Gibt es bei dem, was Sie machen, Berührungspunkte oder gar Überschneidungen mit aktuellen Strömungen?

Seiler: (lange Pause). Na ja, ich mache das, was mich selbst reizt. Das ist für einen Künstler das Allerwichtigste. Was ich selbst interessant finde, das mache ich auch gut. Nur um einem übergeordneten Sinn zu entsprechen, der aber mit mir selbst nichts zu tun hat, davon sehe ich ab. Natürlich habe ich Spaß daran, wenn jüngere Leute in meine Konzerte kommen. Jetzt zum Beispiel bereite ich ein szenisches Projekt mit Tanz vor über die drei Sonaten für Geige solo von Johann Sebastian Bach mit zwei Tänzern. Da bin ich sehr gespannt auf das Publikum.

Fürlus: Wo wird das zu erleben sein?

Seiler: Uraufgeführt wird bei den Köthener Bachfesttagen. Kooperationspartner ist das Radialsystem in Berlin.

Fürlus: Sie stammen aus einem sehr musikalischen Elternhaus. Was war für Sie der Impuls, sich mit der historischen Aufführungspraxis auseinanderzusetzen, und wann fing das an? Wenn man an die Schola Cantorum Basiliensis geht, sind die Weichen für eine solche Richtung doch schon gestellt.

Seiler: Letztendlich entscheidet man das nicht intellektuell, denn die Berufswahl Musiker ist komplett emotional. Da ist nichts Rationales dabei. Jeder, der bis drei zählen kann, wird nicht Musiker.

Fürlus: Das ist aber ein statement!

Das ist kein Beruf, den man seinen Kindern wünscht. Man kommt immer an seine Grenzen – mental, emotional, physisch.

Midori Seiler

Seiler: Das ist kein Beruf, den man seinen Kindern wünscht. Man kommt immer an seine Grenzen – mental, emotional, physisch. Man wird mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder Durststrecken haben, künstlerisch und finanziell. Insofern, wenn man nicht sehr viel Glück hat, so wie ich es hatte, mit guten Lehrern und Mentoren und meinen inzwischen wirklich wunderbaren Projekten, dann kann das ein sehr zermürbender Beruf sein. Auch der Inhalt ist emotional gewählt. Das, was mich an Musik packt, hält mich auch umfangen. So geschah auch die Weichenstellung in Richtung Alte Musik. Ich hatte ein Erweckungserlebnis, ausgerechnet mit Andreas Staier, mit dem ich heute abend auf der Bühne bin. Er spielte vor vielen Jahren ein Klavierkonzert von Mozart auf dem Fortepiano, und da war es passiert. Da habe ich die Alte Musik in mein Herz genommen.

Fürlus: Ich freue mich sehr, das zu hören. Herr Staier hat ja heute Geburtstag, und ich freue mich auf das Konzert. Sie haben die drei Sonaten für Violine solo von Johann Sebastian Bach für eine CD Produktion auf einer Guaneri Violine von 1680 eingespielt. Mit einem Rundbogen.

Seiler: Rundbogen ist der falsche Ausdruck. Der Rundbogen war eine musikalische Sackgasse. Adäquat ist ein Barockbogen. Was ich habe, ist ein historisches Modell, aber eine moderne Kopie.

Fürlus: Was für ein Instrument dürfen wir für den heutigen Abend erwarten?

Seiler: Für dieses Repertoire spiele ich eine Geige aus Florenz von ungefähr 1750.

Fürlus: Sie werden des öfteren als Spezialistin für Barock und Klassik bezeichnet. Heute abend wird – neben Wolfgang Amadeus Mozart – Musik von Franz Schubert auf dem Programm stehen. Wie kam es zu dieser Auswahl?

Seiler: Die Auswahl für ein Konzertprogramm in historischer Aufführungspraxis ist beeinflusst vom Instrument, das zur Verfügung steht. Das heißt, die Musik, die wir im Konzert erklingen lassen, die muss zu dem vorhandenen Instrument passen. Und der Flügel, den wir heute abend spielen, ist die Kopie eines originalen Flügels von Conrad Graf, in Wien um die Wende zum 19. Jahrhundert sehr gebräuchlich. Jeder, der etwas auf sich hielt und sich ein gutes Instrument leisten konnte, hatte einen zu Hause stehen. Die Verbindung, die wir zwischen Schubert und Mozart schaffen, ist die Tonart A-Dur. Wir spielen eine von Mozarts späten Sonaten in A-Dur und die Sonate von Schubert, die auch in A-Dur steht. Wir nehmen an, dass Schubert an Mozart gedacht hat. Aber ganz sicher können wir uns da natürlich nicht sein.

Fürlus: Bei Kompositionen für Streichquartett heißt es mitunter in Konzertprogrammen oder in den Begleitheften zu den CDs, dass hier vier gleichberechtigte Stimmen beteiligt sind wie bei einem Gespräch, einer Konversation oder Unterhaltung. Wie verhält es sich bei der Verteilung oder Stimmengewichtung bei den Kompositionen für Violine und Klavier von Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert?

Die Geige ist dem Klavier ebenbürtig und zeigt sich von ihrer farbigsten, brillantesten Seite.

Midori Seiler

Seiler: Beide haben im Laufe ihres Schaffens diese Gattung stark transformiert. Mozart hat in seinen ganz frühen Sonaten für Klavier und Violine die Violine zur farbigen Untermalung des Cembaloparts benutzt. Wahrscheinlich auch, um Anfängern an der Violine schöne Werke zu bieten. Das heißt, da war noch nicht viel Dialog. Der Violinpart war eigentlich komplett streichbar, also optional. Im zweiten Schwung Sonaten war die Geige schon sehr viel wichtiger und durchaus mal im Dialog mit dem Klavier oder Cembalo. Und im letzten Schwung, in Wien, kommt die Gattung zur Blüte. Die Geige ist dem Klavier ebenbürtig und zeigt sich von ihrer farbigsten, brillantesten Seite. Mozart hat in einem Brief betont, dass für ihn die Brillanz nicht im Vordergrund stehen darf. Er hat Bezug genommen auf einen berühmten Mannheimer Konzertmeister, Ignaz Fränzl, und beschrieb ihn als einen perfekten Geiger, der nämlich schwierige Passagen so spielt, als ob sie nicht schwierig wären. Virtuosität um der Virtuosität Willen, um zu zeigen, ich bin so ein toller Geiger – das hat ihn überhaupt nicht interessiert. Man muss Mozart auch so spielen, dass es ganz einfach und selbstverständlich klingt, und jeder, der Mozart gespielt hat, weiß, dass genau darin die Schwierigkeit liegt. Damit es einfach klingt, muss man die Musik sehr intensiv studiert haben. Und bei Schubert genau so. Seine früheren Sonaten, die drei „Sonatinen“, sprechen noch die frühere Sprache, wobei die Geige zwar präsent ist, aber weniger komplexes Material hat. Unser Duo in A-Dur und auch die spätere Phantasie in C-Dur verlangen ebenbürtige Partner auf Augenhöhe.

Fürlus: Im Zusammenhang mit Franz Schubert fallen mir natürlich als erstes die beiden Liederzyklen Die schöne Müllerin und Die Winterreise ein. Auch hier ist das Klavier ja nicht bloß Begleitinstrument, sondern hat seine ganz eigene Bedeutung und Wertigkeit. Der Geige wird nachgesagt, dass sie die menschliche Stimme imitiert. Stichwort: die singende Melodie in den Instrumentalkompositionen von Franz Schubert. Ist ein Vergleich der Schubertschen Sonaten mit seinen Liederzyklen überhaupt möglich?

Seiler: Der Vergleich ist durchaus berechtigt. In den Liedern, wenn wir beispielsweise an „Du bist die Ruh“ denken, erfordert die Einfachheit der Melodie eine große Meisterschaft des Phrasierens und des Färbens einzelner Töne. In den Instrumentalwerken ist es genau so. Man kann nicht durch Virtuosität blenden, die einfachsten Melodien wie das Thema im langsamen Satz unserer A-Dur Sonate müssen einfach perfekte Linien zeichnen. Das ist wahnsinnig schwierig. Kunst ohne Verkünstelung.

Fürlus: Ist mit der Einbeziehung Schubertscher Kompositionen eine Erweiterung des Repertoires oder gar ein Paradigmenwechsel verbunden? Oder anders gefragt: Wird man eines Tages die Sonate für Violine solo von Béla Bartók von Ihnen interpretiert erleben können?

Seiler: Die historische Aufführungspraxis umschließt für mich auf jeden Fall auch das 19. und 20. Jahrhundert. Paradigmen gewechselt habe ich für Schubert überhaupt nicht. Das ist mein tägliches Brot. Was späteres oder auch ganz anderes Repertoire angeht, lasse ich mich selbst gern überraschen.

Fürlus: Midori Seiler, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Autor

Dr. Eckhard Fürlus, geboren in Jever, Friesland. Studium der Philosophie und der Theologie an der Freien Universität, der Technischen Universität und der Kirchlichen Hochschule in Berlin. Mitarbeiter der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz SMPK, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD, der Akademie der Künste und des Landesmuseums Berlinische Galerie. Von 1993 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berlinischen Galerie. 2006 künstlerischer/wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien zur Assistenz von Prof. Siegfried Zielinski im Bereich Archäologie / Variantologie der Medien; seit 2007 Dozent an der Universität der Künste Berlin (UdK), Institut für zeitbasierte Medien.

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